{"id":1121,"date":"2019-07-26T09:10:50","date_gmt":"2019-07-26T07:10:50","guid":{"rendered":"https:\/\/freitagsworte.de\/?p=1121"},"modified":"2019-07-26T09:08:12","modified_gmt":"2019-07-26T07:08:12","slug":"die-angst-vor-veraenderung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/freitagsworte.de\/index.php\/2019\/07\/26\/die-angst-vor-veraenderung\/","title":{"rendered":"Die Angst vor Ver\u00e4nderung"},"content":{"rendered":"\n<p style=\"text-align:center\"><em>Ein Gastbeitrag von Dr. Ali Ghandour<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Eines der Prinzipien, das&nbsp;&nbsp;der Welt innewohnt, ist der Wandel. Die Ver\u00e4nderung betrifft alle Formen und Erscheinungen des Seins. Im Koran lesen wir: \u201e<em>Alles ist verg\u00e4nglich au\u00dfer Seiner Wirklichkeit<\/em>\u201c (28:88). Nach dem osmanischen Gelehrten Karaba\u015f Veli (gest. 1686) ist die Verg\u00e4nglichkeit kein Ereignis, das zu einem sp\u00e4teren Zeitpunkt eintritt, sondern ein dauerhafter Zustand von allem au\u00dfer Allah. Wir sind die Verg\u00e4nglichkeit.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Allah, erhaben ist Er, zeigt sich selber in dieser Verg\u00e4nglichkeit, denn Er nimmt die Formen der Welt an, durch welche Er sich fortdauernd zeigt. Dazu sagt Allah \u00fcber sich selbst im Koran, wenn wir die Stelle 55:29 wortw\u00f6rtlich nehmen: \u201e<em>Jede Zeit ist Er in einem Zustand (fi-scha&#8217;n)<\/em>\u201c. Die st\u00e4ndige Ver\u00e4nderung und die Fl\u00fcssigkeit von allen Formen f\u00fchren unmittelbar dazu, dass wir Menschen auch diesem Wandel unterliegen.&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Jedoch herrscht bei vielen Menschen eine Angst vor Ver\u00e4nderung, eine Art Verherrlichung des Alten. Vergangenheit wird in dieser Vorstellung sehr dicht an der Wahrheit gedacht. So eine Einstellung kann allerdings dazu f\u00fchren, dass man sich dem \u201eNeuen\u201c nicht \u00f6ffnet oder das Alte nicht in Frage stellt. Es kann auch dazu f\u00fchren, dass man das G\u00f6ttliche im \u201eNeuen\u201c nicht wahrnimmt.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Wir sind im Wandel und wir ver\u00e4ndern uns. Wir ver\u00e4ndern uns innerlich und \u00e4u\u00dferlich. Unsere \u00dcberzeugungen sind von unserem Dasein und von unserem Leben beeinflusst. Das gilt f\u00fcr jeden einzelnen Menschen. Eine \u00dcberzeugung kann man nicht vort\u00e4uschen, denn entweder ist sie tief in uns da oder eben nicht. Man kann nat\u00fcrlich sich selbst und anderen etwas vormachen, dass man von etwas \u00fcberzeugt ist. Aber ist die blo\u00dfe Vort\u00e4uschung eine \u00dcberzeugung? Das kann man nur herausfinden, wenn man seine \u00dcberzeugungen auch in Frage stellt.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Im Koran lesen wir in Sure al-Isra&#8217;, Vers 36: \u201e<em>Und folge nicht dem, wovon du kein Wissen hast!<\/em>\u201c Wissen kann hier sowohl im Sinne von wahrem Wissen als auch von begr\u00fcndeter Meinung verstanden werden. Denn an einer anderen Stelle im Koran lesen wir: \u201e<em>Und wer neben Allah einen anderen Gott anruft, f\u00fcr den er keinen Beweis hat, dessen Abrechnung liegt nur bei seinem Herrn<\/em>\u201c (23:117). Imam Ibn al-\u02bfArab\u012b (gest. 1240) versteht diese Stelle so, dass Gott lediglich jene kritisiert, die einfach ohne Beweis weiteren Gottheiten neben ihm dienen. Ist eine Person aber von einem Beweis \u00fcberzeugt, dass es andere Gottheiten g\u00e4be, auch wenn dieser Beweis in Wirklichkeit gar keiner ist, dann wird diese Person f\u00fcr ihre \u00dcberzeugung nicht getadelt. Denn sie hat die Wahrheit gesucht, aber ihre Beweisf\u00fchrung war falsch. Was allerdings bei Allah verp\u00f6nt ist, ist einfach das blo\u00dfe Befolgen ohne wirkliche \u00dcberzeugung.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn nach Ibn al-\u02bfArab\u012b sogar der Polytheismus, welcher auf einer Wahrheitssuche und Wahrheitsliebe beruht, entschuldigt werden kann, dann gilt das erst recht f\u00fcr die anderen \u00dcberzeugungen. Das hei\u00dft, das kritische Denken und die Wahrheitsliebe &#8211; auch wenn sie zu falschen \u00dcberzeugungen f\u00fchren w\u00fcrde &#8211; ist besser als das blo\u00dfe Nachahmen. Es ist ebenfalls besser als die fanatische Befolgung von Vorstellungen, nur weil sie in einem Milieu als Wahrheit gelten, in welchem man sozialisiert wurde.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Allerdings werden wir, wenn wir unsere \u00dcberzeugungen und unsere Ansichten ver\u00e4ndern, nicht selten von unseren Glaubensgeschwistern mit Verdacht und Skepsis be\u00e4ugt. Ihre Kritik lautet indirekt \u201eWie kann man das Alte, das Erz\u00e4hlte, das als wahr \u2013 oder gar als einzig wahr \u2013 Betrachtete in Frage stellen, oder gar verlassen?\u201c.&nbsp; Die Vorstellung aber, dass der Mensch konstant bleibt, ist eine Illusion.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Angst davor, dass sich andere Menschen ver\u00e4ndern oder ihre \u00dcberzeugungen in Frage stellen, ist eigentlich eher eine Angst vor sich selbst. Es ist die Angst davor, dass man sich mit dem, was man als absolut wahr betrachtet, kritisch auseinandersetzt. Nicht selten wird man gerade von jenen Menschen angegriffen, mit denen man fr\u00fcher gemeinsame \u00dcberzeugungen teilte. In ihrer Denkweise werden die \u00dcberzeugungen nicht als etwas, was aus und in uns entsteht, gedacht, sondern als ewige Wahrheiten, die man auf keinen Fall kritisch betrachten darf.<\/p>\n\n\n\n<p>Eines der Ph\u00e4nomene, das die muslimische Gemeinde heute plagt, ist eine Club-Mentalit\u00e4t, die zu einem religi\u00f6sen Hooliganismus ausarten kann. Wir haben unter Muslimen teilweise sektenartige Organisations- und Denkstrukturen, die davon \u00fcberzeugt sind, dass die Wahrheit nur innerhalb der eigenen Gruppe oder Organisation zu finden sei. Jeder Versuch, eine Gruppe, eine Person oder eine Idee zu hinterfragen, wird als ein Angriff auf die Wahrheit wahrgenommen. In diesen Strukturen herrscht eine Kultur der Angst und der Warnung. Es wird st\u00e4ndig vor anderen Personen, vor anderen Ideen, ja sogar vor dem Denken insgesamt gewarnt. In Wahrheit warnen sie aber nur vor sich selbst.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Gastbeitrag von Dr. Ali Ghandour Eines der Prinzipien, das&nbsp;&nbsp;der Welt innewohnt, ist der Wandel. Die Ver\u00e4nderung betrifft alle Formen und Erscheinungen des Seins. Im Koran lesen wir: \u201eAlles ist verg\u00e4nglich au\u00dfer Seiner Wirklichkeit\u201c (28:88). 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