{"id":1117,"date":"2019-07-19T09:12:40","date_gmt":"2019-07-19T07:12:40","guid":{"rendered":"https:\/\/freitagsworte.de\/?p=1117"},"modified":"2020-04-19T21:03:26","modified_gmt":"2020-04-19T19:03:26","slug":"die-illusion-von-macht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/freitagsworte.de\/index.php\/2019\/07\/19\/die-illusion-von-macht\/","title":{"rendered":"Die Illusion von Macht"},"content":{"rendered":"\n<p>Unsere Gegenwart ist gepr\u00e4gt von der Faszination, die unsere M\u00f6glichkeiten uns vermitteln. In dem Ausma\u00df, in welchem wir das Spirituelle, das buchst\u00e4blich Unbegreifbare, das Nichtk\u00f6rperliche, das Transzendente aus unserem Leben und unserer unmittelbaren Orientierung verdr\u00e4ngt haben, in dem Ma\u00dfe hat das K\u00f6rperliche, das Materielle, die Anh\u00e4ufung des Konkreten Bedeutung f\u00fcr und in unserem Leben eingenommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir haben uns von der Vorstellung entfernt, dass die Belohnung im Jenseits uns in der Gestalt des \u00dcberflusses an Erkenntnis und Wissen versprochen wird. Sinnbildlich spricht der Koran von der Quelle Kevser, aus der wir unendliche Male werden sch\u00f6pfen d\u00fcrfen. Das Bild des auch dann nicht wirklich greifbaren, des fluiden und verrinnenden Wassers ist uns zu einer Zumutung geworden. <\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Wir neigen dazu, dieses Versprechen zu ersetzen in der Anh\u00e4ufung materieller G\u00fcter, des Kesret. Im Diesseits vermittelt uns materieller Reichtum, der Zugriff auf immer mehr G\u00fcter und dinglicher M\u00f6glichkeiten das Gef\u00fchl von Befriedigung und Gl\u00fcck. Die Fl\u00fcchtigkeit, die wir dem k\u00f6rperlosen Versprechen von Erkenntnis selbst in dem Bild der Wasserquelle sprachlich zuschreiben, k\u00f6nnen wir nicht auf die Verg\u00e4nglichkeit materiellen Reichtums \u00fcbertragen. <\/p>\n\n\n\n<p>Denn das possessive Moment materieller Anh\u00e4ufung, die buchst\u00e4bliche Inbesitznahme dessen, was uns an dinglichen G\u00fctern umgibt, best\u00e4rkt uns in dem Gef\u00fchl, dass wir uns \u00fcber das erheben, was uns umgibt. Dieses Gef\u00fchl hat viel mit Kontrolle zu tun. Wir bem\u00e4chtigen uns nicht nur der materiellen G\u00fcter, aus denen wir Reichtum generieren. Wir \u00fcbertragen diese Inbesitznahme auch auf andere Menschen. <\/p>\n\n\n\n<p>Wir haben uns daran gew\u00f6hnt, dass unser Reichtum die Armut anderer Menschen zur Folge hat, ja zur Bedingung hat. Wir rechtfertigen mit Gedanken der zivilisatorischen, kulturellen oder gar biologistischen \u00dcberlegenheit, dass wir auf Kosten anderer Reicht\u00fcmer anh\u00e4ufen. Diese Macht, dieser Anspruch auf Kontrolle erstreckt sich auch auf unser unmittelbares Umfeld. <\/p>\n\n\n\n<p>Die gesellschaftliche Kontrolle \u00fcber den weiblichen K\u00f6rper erhalten wir aufrecht durch die Vorstellung von Ungleichwertigkeit. Damit rechtfertigen wir die Ungleichbehandlung und Ungerechtigkeiten gegen\u00fcber Frauen in vielen Bereichen unseres sozialen Lebens. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Kontrolle \u00fcber die Vorstellung von M\u00e4nnlichkeit erhalten wir aufrecht durch die Stigmatisierung  von Menschen, die eine andere sexuelle Identit\u00e4t f\u00fcr sich reklamieren, als wir es ihnen in der von uns akzeptierten Dualit\u00e4t zusprechen wollen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kontrolle \u00fcber den Zugriff auf nat\u00fcrliche Ressourcen legitimieren wir durch eine kulturhistorisch tief verankerte Vorstellung von Besitzanspr\u00fcchen auf die Natur. Aber wenn wir die islamische Offenbarung aufmerksam lesen, m\u00fcssen wir feststellen, dass ihr der Gedanke der Herrschaft des Menschen \u00fcber die Natur, \u00fcber die Sch\u00f6pfung fremd ist. Die Sch\u00f6pfung ist dem Menschen nicht Untertan, so wie der Mensch nicht der Herrscher und Gebieter \u00fcber die Natur sein kann. <\/p>\n\n\n\n<p>Die islamischen Quellen beziehen sich nicht auf den Gedanken des Eigentums, des Besitzes und damit der Verf\u00fcgungsgewalt und der Kontrolle \u00fcber die Natur. Sie gehen vielmehr von einem Verh\u00e4ltnis des befristeten Nie\u00dfbrauchs aus. \u201eBittet euren Herrn um Vergebung, hierauf wendet euch Ihn in Reue zu, so wird Er euch einen sch\u00f6nen Nie\u00dfbrauch auf eine festgesetzte Frist gew\u00e4hren und Er wird jedem, der voll Huld ist, Seine Huld gew\u00e4hren.\u201c(Sure 11, Vers 3)<\/p>\n\n\n\n<p>Die Sch\u00f6pfung ist eine uns anvertraute Leihgabe, mit der wir sorgsam umzugehen haben. Sie ist uns von fr\u00fcheren Generationen \u00fcbertragen worden, so wie wir sie an nachfolgende Generationen weitergeben. Wir sind nicht Eigent\u00fcmer oder Besitzer. Wir sind lediglich Sachwalter. <\/p>\n\n\n\n<p>Wenn wir von dem Gedanken ausgehen, dass die Sch\u00f6pfung dem Menschen dient, dann h\u00f6chstens in dem Sinne, dass sie zur Mahnung dient, dass sie zur Anschauung dient, um dem Menschen mittelbar das Wirken seines Sch\u00f6pfers kundzutun. \u201eGewiss, in der Sch\u00f6pfung der Himmel und der Erde und der Verschiedenheit von Nacht und Tag sind zweifelsohne Zeichen f\u00fcr die Verst\u00e4ndigen. Diejenigen, die \u00fcber die Sch\u00f6pfung der Himmel und der Erde nachdenken und \u00fcber die Erschaffung der Himmel und Erde sagen: Unser Herr, du hast all dies nicht umsonst erschaffen.\u201c (Sure 3, Vers 190-191)<\/p>\n\n\n\n<p>Und dort, wo der Mensch nicht pflegend, nicht bewahrend, sondern vertilgend in diese Sch\u00f6pfung eingreift, hat er sich die N\u00e4he seines Sch\u00f6pfers zu vergegenw\u00e4rtigen. \u201eSo sprecht den Namen Allahs \u00fcber sie aus, wenn sie mit gebundenen Beinen dastehen. Wenn sie nun auf die Seite umgefallen sind, dann esst davon und gebt dem bescheidenen und dem fordernden Armen zu essen. So haben Wir sie euch dienstbar gemacht, auf dass ihr dankbar sein m\u00f6get. Weder ihr Fleisch, noch ihr Blut werden Allah erreichen, aber Ihn erreicht eure Gottesfurcht. So hat Er sie euch dienstbar gemacht, damit ihr Allah als den Gr\u00f6\u00dften preist, dass Er euch richtgeleitet hat. Und verk\u00fcndet frohe Botschaft denen, die gutes tun.\u201c (Sure 22, Vers 36-37)  <\/p>\n\n\n\n<p>Uns scheint diese Forderung veraltet, Teil einer archaischen Haltung oder sinnentleerte rituelle Nostalgie zu sein. Doch fragen wir uns, in welcher Welt wir leben w\u00fcrden, wenn jeder von uns das, was er vertilgt, nur in Demut und Anrufung Gottes der Sch\u00f6pfung entrei\u00dfen d\u00fcrfte? Wie w\u00e4re es, wenn jeder von uns das Leben eines Tieres eigenh\u00e4ndig nehmen m\u00fcsste, um dessen Fleisch verzehren zu d\u00fcrfen. Und wenn er das Fleisch nur dann verzehren d\u00fcrfte, wenn er es mit Bed\u00fcrftigen teilt?<\/p>\n\n\n\n<p>Lebten wir dann in einer f\u00fcr uns ges\u00fcnderen Welt? W\u00e4re das Leid unserer Mitgesch\u00f6pfe gr\u00f6\u00dfer oder geringer als in unserer Gegenwart, wo uns angesichts des Fleisches geschlachteter Tiere keine Gottesfrucht mehr bef\u00e4llt, sondern h\u00f6chstens noch die Furcht, ob das Kilo Hack im Gesch\u00e4ft um die Ecke nicht doch billiger zu haben ist?<\/p>\n\n\n\n<p>Wir m\u00fcssen uns vergegenw\u00e4rtigen, dass der \u00dcberfluss, mit dem wir uns umgeben, uns nicht davor bewahren wird, diese Welt so zu verlassen, wie wir sie betreten haben &#8211; n\u00e4mlich mit Nichts. Die Frage, die sich f\u00fcr uns daran anschlie\u00dft, ist die Frage danach, wie wir die befristete Zeit nutzen, die wir innerhalb dieser Sch\u00f6pfung verbringen d\u00fcrfen. In Zeiten, in denen wir Menschen sterben lassen, um unsere angeh\u00e4uften Reicht\u00fcmer nicht mit ihnen teilen zu m\u00fcssen, scheinen wir auf diese Frage noch keine vern\u00fcnftige Antwort gefunden zu haben. (mk)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Unsere Gegenwart ist gepr\u00e4gt von der Faszination, die unsere M\u00f6glichkeiten uns vermitteln. 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