{"id":1057,"date":"2019-04-26T09:30:59","date_gmt":"2019-04-26T07:30:59","guid":{"rendered":"https:\/\/freitagsworte.de\/?p=1057"},"modified":"2019-04-26T03:08:17","modified_gmt":"2019-04-26T01:08:17","slug":"die-schoenheit-des-anderen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/freitagsworte.de\/index.php\/2019\/04\/26\/die-schoenheit-des-anderen\/","title":{"rendered":"Die Sch\u00f6nheit des Anderen"},"content":{"rendered":"\n<p>Christchurch. Sri Lanka. An diesen Orten haben wir wieder erleben\nm\u00fcssen, in welche Abgr\u00fcnde menschliches Handeln sinken kann; dass der Mensch zu\nHandlungen gr\u00f6\u00dfter Grausamkeit f\u00e4hig ist. Das ist die erste Erkenntnis, der wir\nuns stellen m\u00fcssen. Die T\u00e4ter sind keine Monster, keine Verirrungen unseres\nmenschlichen Wesens, keine \u00fcbernat\u00fcrlichen, unfassbaren Kreaturen, fern von uns\nund unseren Potentialen. Die T\u00e4ter sind Menschen aus unserer Mitte. Sie sind\ngepr\u00e4gt durch unsere gesellschaftlichen Bedingungen, durch unsere Debatten und\nErz\u00e4hlungen. Die T\u00e4ter formulieren keine neuen Ansichten oder Positionen, sie\noffenbaren keine origin\u00e4ren Motive. Sie zitieren das, was unsere Debatten seit\nmindestens 20 Jahren pr\u00e4gt. <\/p>\n\n\n\n<p>Wir bewegen uns in einer Debatte der Abgrenzung, der Differenzierung und der Urteilsfindung durch qualitative vergleichende Bewertung unterschiedlicher religi\u00f6ser oder kultureller Inhalte. Vielfalt verstehen wir in erster Linie als einen faktischen Zustand einer als zunehmend aufgezwungen erlebten Vieldeutigkeit und Verschiedenheit der uns unmittelbar umgebenden Welt. Die Pr\u00e4senz des Anderen, des Fremden empfinden wir als Belastung, als Zumutung. Wir erdulden Vielfalt mehr, als dass wir sie bewusst sch\u00e4tzen.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>So entstehen unsere identit\u00e4ren Enklaven vermeintlich glaubw\u00fcrdigerer Bekenntnisse, bewahrungsw\u00fcrdigerer kultureller Qualit\u00e4ten und Traditionen. In den Dialog mit dem Anderen, dem Fremden treten wir zunehmend aus einer vergleichenden Perspektive. Da aber die eigene Qualit\u00e4t zu einer Erz\u00e4hlung absoluter Gewissheit geworden ist, kann dieser Vergleich immer nur best\u00e4tigen, wie sehr man das Bessere, das H\u00f6henwertigere ist. Und wie dadurch das Andere und Fremde zumindest als unbrauchbar und nutzlos, im schlimmsten Fall aber als Gegner, als existenzielle Bedrohung des Eigenen verstanden wird. <\/p>\n\n\n\n<p>Dieses Denken f\u00fchrt uns zu einem Handeln, das nicht davor zur\u00fcckschreckt, Menschen w\u00e4hrend ihrer Gottesdienste zu ermorden. Die Kundgabe der Nichtachtung, des Vernichtungswillens wendet sich nicht nur gegen das Leben der Betroffenen selbst, sondern dar\u00fcber hinaus demonstrativ gegen den Ritus, gegen die Tradition und das Bekenntnis des Anderen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf diese Ereignisse reagieren wir kollektiv wieder nur mit Verurteilungsritualen und der gr\u00f6\u00dftm\u00f6glichen Distanzierung von den T\u00e4tern. Das hat mit uns nichts zu tun. Das hat mit unserem Glauben nichts zu tun. Hei\u00dft es dann immer wieder. Und immer wieder erkennen wir nicht, dass diese Haltung &#8211; so verst\u00e4ndlich sie als Reflex ist &#8211; nichts an unserer Situation ver\u00e4ndern wird. <\/p>\n\n\n\n<p>Denn nat\u00fcrlich verstehen und praktizieren wir unseren jeweiligen Glauben in einem v\u00f6llig anderen Sinn, als die T\u00e4ter diesen Glauben zur Grundlage ihrer T\u00f6tungsmotivation werden lassen. Aber sie bedienen sich aus dem \u00fcppigen Fundus der Ausgrenzung und Selbst\u00fcberh\u00f6hung, deren Potentiale in jedem Glauben eben auch angelegt sind. Sobald der vergleichende Blick anf\u00e4ngt, qualitativ zu hierarchisieren, zu ordnen und zu gewichten, beginnt er, anf\u00e4llig zu werden f\u00fcr die Frage, welche Existenzberechtigung das Andere, das Fremde \u00fcberhaupt noch hat. <\/p>\n\n\n\n<p>Warum andere Religionen aushalten, wenn doch die einzige Religion\nbei Allah der Islam ist? Weshalb den Irrglauben anderer Gemeinschaften\ntolerieren, wenn der Glaube an einen Heidengott eben nicht der Weg und die\nWahrheit und das Leben sein kann?<\/p>\n\n\n\n<p>Wir m\u00fcssen einsehen, dass dieser vergleichende Blick uns in eine\ndunkle Sackgasse f\u00fchrt. Wenn wir gesellschaftliche Vielfalt als einen\nerstrebenswerten Zustand begreifen und diesen f\u00f6rdern und sch\u00fctzen wollen,\nm\u00fcssen wir zu einem anderen Verst\u00e4ndnis pluralen Miteinanders kommen.&nbsp; <\/p>\n\n\n\n<p>Wir m\u00fcssen den Zweifel des Anderen an dem, was uns Eigen ist, aushalten, ja ihn gar als Herausforderung zum Gespr\u00e4ch, zur Begegnung verstehen. Und wir m\u00fcssen lernen, den Anderen nicht im Vergleich zu unseren \u00dcberzeugungen, sondern in der Binnensph\u00e4re seines Glaubens- und Bekenntnissystems zu verstehen. Es darf keine Rolle spielen, ob Inhalte oder Rituale Entsprechungen in der eigenen Glaubenswelt aufweisen. Wir m\u00fcssen vielmehr lernen, zu verstehen, warum f\u00fcr den Anderen sein Glaube in sich glaubw\u00fcrdig und sch\u00f6n ist. <\/p>\n\n\n\n<p>Wir m\u00fcssen entdecken, dass etwas, woran wir nicht glauben, es\nverdient, unbedingt erhalten und bewahrt zu werden &#8211; eben weil es dem Anderen,\nmit dem wir zusammenleben, wichtig und bedeutsam ist. Wenn wir uns darauf\neinlassen, einander in dieser Weise zu begegnen, m\u00fcssen wir nicht zwangsl\u00e4ufig,\nk\u00f6nnen wir aber immer h\u00e4ufiger Facetten in der Glaubenswelt des Anderen\nentdecken, die uns faszinieren &#8211; auch wenn wir nicht daran glauben. <\/p>\n\n\n\n<p>Aber wir k\u00f6nnen der Faszination des Glaubens etwas abgewinnen,\neinen Augenblick des Staunens und Erschauderns erleben, der uns als Menschen\nverbindet.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt ein Gem\u00e4lde des italienischen Malers Caravaggio mit dem Titel \u201eDer ungl\u00e4ubige Thomas\u201c. Es ist \u00fcber 400 Jahre alt und befindet sich heute in der Bildergalerie Sanssouci in Potsdam. Es zeigt eine Szene aus dem Johannesevangelium 20, 24-29: <\/p>\n\n\n\n<p>\u201eThomas, der Didymus genannt wurde, einer der Zw\u00f6lf, war nicht bei ihnen, als Jesus\nkam. Die anderen J\u00fcnger sagten zu ihm: Wir haben den Herrn gesehen. Er\nentgegnete ihnen: Wenn ich nicht das Mal der N\u00e4gel an seinen H\u00e4nden sehe und\nwenn ich meinen Finger nicht in das Mal der N\u00e4gel und meine Hand nicht in seine\nSeite lege, glaube ich nicht. Acht Tage darauf waren seine J\u00fcnger wieder\ndrinnen versammelt und Thomas war dabei. Da kam Jesus bei verschlossenen T\u00fcren,\ntrat in ihre Mitte und sagte: Friede sei mit euch!&nbsp;Dann sagte er zu\nThomas: Streck deinen Finger hierher aus und sieh meine H\u00e4nde! Streck deine\nHand aus und leg sie in meine Seite und sei nicht ungl\u00e4ubig, sondern gl\u00e4ubig!&nbsp;Thomas\nantwortete und sagte zu ihm: Mein Herr und mein Gott!&nbsp;Jesus sagte zu ihm:\nWeil du mich gesehen hast, glaubst du. Selig sind, die nicht sehen und doch\nglauben.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Caravaggio zeigt uns einen zweifelnden Thomas im Moment, als\nsein Zeigefinger in die Seitenwunde eindringt. Thomas ist hochkonzentrierten,\nfast wissenschaftlich untersuchend, die Stirn in zig Falten gelegt, die linke\nHand angespannt auf die H\u00fcfte gest\u00fctzt. Er ber\u00fchrt lebendiges Fleisch, aber\neine Wunde ohne Blut oder Ausfluss. <\/p>\n\n\n\n<p>Der untersuchende Thomas wirkt als Hauptfigur der\nBildkomposition. Jesus erscheint fast wie eine Nebenfigur. Er h\u00e4lt den rechten\nArm des Thomas am Handgelenk und f\u00fchrt dessen Hand zur Wunde. Es ist eine\nauffordernde aber nicht aufdringliche Geste. Jesus wirkt entspannt, gelassen,\nverst\u00e4ndnisvoll, ermutigend, geduldig.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir k\u00f6nnen lange dar\u00fcber diskutieren, was diese Szene nach der Auferstehung Jesu &#8211; an die wir aus muslimischer Perspektive nicht glauben &#8211; ausmacht. Was bedeutet sie f\u00fcr unsere christlichen Geschwister? Wird Thomas f\u00fcr seinen Zweifel gescholten? Oder wird er als durch und durch menschliche Figur beschrieben, als die er nur an das glauben kann, was er versteht, was er unmittelbar mit seinen Sinnen erfassen kann? Wird der Glaube gepriesen, der den Zweifel \u00fcberwindet? Oder wird der Zweifel als Bedingung des Glaubens beschrieben? Straucheln wir mit Thomas vor der Herausforderung, vor der wir alle stehen, seitdem Adam und Eva auf der Erde weilten &#8211; an einen Gott zu glauben, den wir nicht sehen k\u00f6nnen, den wir nicht unmittelbar begreifen k\u00f6nnen?<\/p>\n\n\n\n<p>Die M\u00f6rder von Sri Lanka haben Menschen w\u00e4hrend des Ostergottesdienstes ermordet. Vielleicht sogar in einem Augenblick, als dort gerade \u00fcber diese Verse und diese Fragen gesprochen wurde. Man hat ihnen die Sch\u00f6nheit, die Widerspr\u00fcchlichkeit, die Herausforderung einer anderen Glaubenswelt nicht als etwas Faszinierendes beigebracht. Sie haben nur gelernt, das Andere zu hassen und zu dessen Vernichtung bereit zu sein. Das Potential zu so einer Bereitschaft k\u00f6nnen und m\u00fcssen wir Muslime unter uns thematisieren. <\/p>\n\n\n\n<p>Denn der Keim der Geringsch\u00e4tzung, der Abwertung anderer\nreligi\u00f6ser Inhalte f\u00e4llt auch in unserer Mitte viel zu oft auf fruchtbaren\nBoden. Wir m\u00fcssen deutlich machen, dass die offene, wertsch\u00e4tzende und\nneugierige Besch\u00e4ftigung mit der Glaubenswelt des Anderen und der Versuch,\ndiese Glaubenswelt aus der eigenen Perspektive der Bekennenden zu verstehen,\netwas Sch\u00f6nes und Verbindendes ist &#8211; und nicht die Kontamination mit Elementen\ndes Unglaubens. <\/p>\n\n\n\n<p>Wir m\u00fcssen akzeptieren, dass es vielen Menschen schwer f\u00e4llt, die Sch\u00f6nheit unseres Glaubens zu entdecken. Dass es ihnen &#8211; \u00e4hnlich wie Thomas &#8211; vielleicht nur gelingt, etwas als glaubw\u00fcrdig wertzusch\u00e4tzen, was sie mit ihren eigenen Sinnen erlebt und begriffen haben. Deshalb m\u00fcssen wir als muslimische Gemeinschaft vorangehen, die Sch\u00f6nheiten zu entdecken, die sich aus den Quellen eines anderen Glaubens speisen. Vielleicht k\u00f6nnen wir dann erkennen und aufzeigen, dass diese Sch\u00f6nheit uns als die Gesch\u00f6pfe eines einzigen, gemeinsamen Sch\u00f6pfers eint. Und vielleicht entdecken wir dann auch, dass in den oben zitierten Bibelversen Jesus seinen J\u00fcngern mit den Worten begegnet, mit denen wir uns t\u00e4glich gr\u00fc\u00dfen: Friede sei mit euch! (mk)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Christchurch. Sri Lanka. An diesen Orten haben wir wieder erleben m\u00fcssen, in welche Abgr\u00fcnde menschliches Handeln sinken kann; dass der Mensch zu Handlungen gr\u00f6\u00dfter Grausamkeit f\u00e4hig ist. Das ist die erste Erkenntnis, der wir uns stellen m\u00fcssen. 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