{"id":1034,"date":"2019-03-22T09:30:55","date_gmt":"2019-03-22T08:30:55","guid":{"rendered":"https:\/\/freitagsworte.de\/?p=1034"},"modified":"2019-03-22T06:38:40","modified_gmt":"2019-03-22T05:38:40","slug":"nach-christchurch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/freitagsworte.de\/index.php\/2019\/03\/22\/nach-christchurch\/","title":{"rendered":"Nach Christchurch"},"content":{"rendered":"\n<p>Eine Woche nach Christchurch. Schmerzen und Leid in einer Intensit\u00e4t und einem Ausma\u00df, die uns verstummen lassen, sprachlos machen. Die Frage nach dem \u201eWarum?\u201c einer so sinnlosen Tat ist kaum zu beantworten. Und dennoch m\u00fcssen wir eine Antwort auf das Erlebte, das Erlittene suchen. Unser Glaube h\u00e4lt uns dazu an, in Zeiten der Gewalt und der Not geduldig zu sein. Er erinnert uns daran, dass auch scheinbar sinnlose Augenblicke eine Bedeutung haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Schnell dr\u00e4ngt sich durch die Trauer und die Verzweiflung die Frage in unser Bewusstsein, warum Gott solche Taten zul\u00e4sst. Wie kann ein allm\u00e4chtiger und allg\u00fctiger Gott es zulassen, dass ein dreij\u00e4hriges Kind dem Hass eines M\u00f6rders zum Opfer f\u00e4llt? Wenn er eine solche Tat nicht verhindern kann, ist er dann noch allm\u00e4chtig? Wenn er sie nicht verhindern will, ist er dann noch allg\u00fctig?<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Aber so funktioniert unser Verh\u00e4ltnis zu Gott nicht. Seit dem Augenblick, als Adam sich \u00fcber den Willen Gottes hinweggesetzt hat, sind wir von Gott getrennt. Nicht im Sinne einer Vertreibung, also einer Versto\u00dfung durch Gott. Nein, nach dem Verst\u00e4ndnis unserer Offenbarung wird Adam auf die Erde herab gesandt &#8211; von Gott entfremdet, um Seine Existenz nicht wissend, sondern glaubend. Mit einer tiefen Sehnsucht nach der N\u00e4he Gottes, aber einer faktischen Distanz zu Ihm. Strauchelnd, zwischen seinen Begierden, seiner Hybris ob seiner menschlichen Macht \u00fcber alles Irdische und der Sehnsucht nach der N\u00e4he seines Sch\u00f6pfers und der Suche nach Ihm, nach den Br\u00fcchen und Rissen im Irdischen, \u00fcber die Er hineinstrahlt in unser Leben.<\/p>\n\n\n\n<p>Er und damit Wir finden aber keinen Gott, der willk\u00fcrlich sich \u00fcber unser Handeln hinwegsetzend in unser Leben eingreift und es mal in diese, mal in jene Richtung lenkt. Wir k\u00f6nnen nicht mehr darauf warten, eine Offenbarung zu erhalten, eine Art der Anweisung und Lenkung durch ihn zu finden, die uns eigenst\u00e4ndige Entscheidungen abnimmt. Wir sind seine Diener, die sich freiwillig vor ihm verbeugen, nicht durch ihn gebeugt werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Freiwilligkeit, diese Emanzipation von Gott b\u00fcrdet uns die Eigenverantwortung f\u00fcr unser Handeln auf. Es wird keinen Gott geben, der unmittelbar in unser Leben eingreift, Gutes bewirkt und Schlechtes verhindert. Wir leben miteinander, mit Mitmenschen, mit Wesen, die so unvollkommen sind, wie wir selbst es sind. Mit Menschen, die zum Guten und zum B\u00f6sen f\u00e4hig sind. Einander zu Gutem anzuhalten und das B\u00f6se aus unseren Gedanken und unserem Handeln zu verdr\u00e4ngen, sind Verantwortungen, denen wir h\u00f6chstpers\u00f6nlich gerecht werden m\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dabei wissen wir, dass es angesichts unserer Unvollkommenheit kein irdisches Paradies geben wird. Die Frage ist nur, ob wir uns selbst zu \u00fcberwinden bereit sind, damit unsere Existenz f\u00fcr andere nicht die H\u00f6lle auf Erden bereitet?<\/p>\n\n\n\n<p>Zwei Dinge fordern uns bei dieser Aufgabe heraus. Der Impuls der Rache und die Vorstellung von \u00dcberlegenheit.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Gedanke der S\u00fchne, der Augenblick der Wiedervergeltung f\u00fchren uns in die Versuchung, den eigenen Schmerz dadurch zu lindern, dass wir anderen die gleichen Schmerzen zuf\u00fcgen. \u201eF\u00fchle, was ich f\u00fchlen musste!\u201c ist der Antrieb, der uns in die Abgr\u00fcnde menschlichen Handelns f\u00fchrt, denn er entspricht nicht der h\u00f6heren Gerechtigkeit, die uns unser Sch\u00f6pfer &#8211; der Allbarmherzige, der Allgn\u00e4dige &#8211; verspricht. Er ist vielmehr Ausdruck unserer menschlichen Unvollkommenheit, in der wir es nicht ertragen k\u00f6nnen, durch einen Akt des Unrechts in unserem Geltungsanspruch herabgesetzt, gekr\u00e4nkt zu werden. <\/p>\n\n\n\n<p>Um uns wieder \u00fcberlegen zu f\u00fchlen, \u00fcben wir Rache. Und setzen damit wieder neuen Schmerz in die Welt, den der Betroffene wieder zum Anlass nimmt, Schmerz mit Schmerz zu vergelten. Wir reservieren uns aber keinen Platz im Paradies, indem wir andere in die H\u00f6lle der Gewalt und des Leids sto\u00dfen. Gott h\u00e4lt uns an, diese menschliche Schw\u00e4che zu \u00fcberwinden. Er zeigt uns den Weg auf, wie dies gelingen kann. Er h\u00e4lt uns an, zu vergeben. <\/p>\n\n\n\n<p>Im Augenblick der Vergebung bricht die Spirale von Rache und Gegenrache. Im Moment der Vergebung \u00fcberwinden wir unsere Eitelkeit, eine \u00dcberlegenheit wiederherstellen zu m\u00fcssen, die es in Wirklichkeit nicht gibt. Und das ist eine Vorstellung, die ganz wesentlich f\u00fcr das Zusammenleben in unserer pluralen Gesellschaft ist: Wir sind einander nicht \u00fcberlegen! <\/p>\n\n\n\n<p>Niemandes Herkunft, Kultur, Sprache oder Religion ist der des Anderen \u00fcberlegen. Es gibt nichts, was einer existenziellen Bedrohung ausgesetzt w\u00e4re und damit die Verteidigung um jeden Preis rechtfertigt. Das, was wir gew\u00f6hnt sind, das, womit wir aufgewachsen sind, empfinden wir vielleicht als erhaltungsw\u00fcrdiger oder glaubw\u00fcrdiger. Aber umgekehrt gilt dies f\u00fcr jeden anderen auch. Die St\u00e4rke unserer Gesellschaft liegt darin, jedem diese Freiheit zu lassen, ohne ihn als Bedrohung des Eigenen zu empfinden.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch der Wohlstand, in dem wir leben, ist kein Beweis f\u00fcr die \u00dcberlegenheit einer bestimmten Kultur oder einer Religion oder eines bestimmten Brauchtums. Denn irdischen Wohlstand generieren wir auf Kosten der Schw\u00e4cheren in dieser Welt. Uns geht es nicht besser, weil wir besser sind als andere, sondern weil es ihnen schlechter geht.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir m\u00fcssen der Wahrheit ins Auge blicken, dass unsere irdische Existenz in krassem Widerspruch zum kategorischen Imperativ unseres moralischen Denkens steht. Wir wissen sehr wohl: Wir k\u00f6nnen nicht wollen, dass die Maxime unseres Handelns zum allgemeinen Gesetz f\u00fcr alle Menschen werde. Denn f\u00fcr den Wohlstand, den wir f\u00fcr uns reklamieren, reichen die Rohstoffe unseres Planeten nicht aus, wenn ihn jeder f\u00fcr sich beanspruchen w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<p>Um diesen Wohlstand nicht zu teilen, andere nicht an ihm teilhaben zu lassen, sind wir zu Vielem bereit. Und um die massenhaft t\u00f6dlichen Folgen dieser Bereitschaft auszuhalten, vergewissern wir uns immer wieder der eigenen vermeintlichen \u00dcberlegenheit. <\/p>\n\n\n\n<p>Je sch\u00e4rfer diese vermeintliche \u00dcberlegenheit propagiert wird, desto gr\u00f6\u00dfer ist die Gefahr, dass jemand bereit ist, Gewalt anzuwenden, um sie zu \u201everteidigen\u201c. Auch diese Spirale m\u00fcssen wir durchbrechen. Zur Notwendigkeit der Vergebung tritt damit die Notwendigkeit zur Ver\u00e4nderung hinzu.  <\/p>\n\n\n\n<p>Wir k\u00f6nnen mit kleinen Schritten beginnen. Vergeben wir einander tats\u00e4chliches oder vermeintliches Unrecht. Denken wir in unserem Leben, in den Entscheidungen, die wir treffen, in den Riten, die wir praktizieren, auch immer den Anderen mit. Als Muslime: beten wir w\u00e4hrend des Freitagsgebetes nicht mehr nur f\u00fcr das Wohl der \u201eislamischen Welt\u201c, sondern f\u00fcr das aller Menschen, mit denen wir zusammenleben. Als Nichtmuslime: haben wir keine Angst vor den Riten und Symbolen des Islam. \u00dcberwinden wir das, was uns daran Angst macht und entdecken wir das, was f\u00fcr Muslime darin von Bedeutung ist. Gelegenheit f\u00fcr beides besteht bei jedem Freitagsgebet &#8211; in der Moschee um die Ecke. (mk)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine Woche nach Christchurch. Schmerzen und Leid in einer Intensit\u00e4t und einem Ausma\u00df, die uns verstummen lassen, sprachlos machen. Die Frage nach dem \u201eWarum?\u201c einer so sinnlosen Tat ist kaum zu beantworten. 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