{"id":1010,"date":"2019-03-01T09:20:43","date_gmt":"2019-03-01T08:20:43","guid":{"rendered":"https:\/\/freitagsworte.de\/?p=1010"},"modified":"2019-03-01T05:16:06","modified_gmt":"2019-03-01T04:16:06","slug":"woher-kommst-du","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/freitagsworte.de\/index.php\/2019\/03\/01\/woher-kommst-du\/","title":{"rendered":"Woher kommst Du?"},"content":{"rendered":"\n<p>Die Frage \u201eWoher kommst Du?\u201c bewegt unser Land seit einigen Tagen. In dieser Frage und in den Diskussionen, die sie ausl\u00f6st, spiegelt sich die Seele unserer Gesellschaft. In den lebendigen und teilweise scharfen Debatten, die wir miteinander und viel zu oft gegeneinander f\u00fchren, verk\u00f6rpert sich der Zustand unseres gesellschaftlichen Zusammenlebens.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir leben und reden zunehmend mit dem Anspruch auf Widerspruchslosigkeit. Die Infragestellung unserer Argumente und Ansichten empfinden wir immer h\u00e4ufiger als Infragestellung unseres Selbst. Im Disput legen wir es immer intensiver nicht nur darauf an, die Meinung des Anderen zu widerlegen. Wir streben danach, den Anderen selbst zu widerlegen, ihm seine Berechtigung, anders zu sein, abzusprechen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Wir werden in unseren Ansichten und unseren Meinungen immer absoluter &#8211; ohne die M\u00f6glichkeit des eigenen Irrtums in allen Momenten unserer Existenz als hohe Wahrscheinlichkeit mitzudenken. Wir bewerten das Handeln des Anderen nach seiner \u00e4u\u00dferen Gestalt und setzen unsere Anschauung \u00fcber diese Gestalt absolut &#8211; unsere Wahrnehmung dieser \u00e4u\u00dferen Erscheinung des Anderen wird zum unhinterfragten Ma\u00dfstab unseres Urteils \u00fcber ihn. Wir verdammen, was uns verletzt und feiern, was uns befriedigt.<\/p>\n\n\n\n<p>Weder das Recht, noch die Offenbarung rechtfertigen diese Verengung der Wahrheit. Das Recht unterscheidet zwischen den objektiven Merkmalen des Handelns und dem subjektiven Willen des Handelnden. Die Offenbarung hinterfragt die Absichten, die den Handlungen zu Grunde liegen. Die Offenbarung will uns dazu anhalten, seltener nach dem Was zu fragen, sondern h\u00e4ufiger nach dem Warum.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>So blenden viele in der aktuellen Debatte um die Frage \u201eWoher kommst Du?\u201c die unterschiedlichsten Absichten aus, von denen diese Frage getragen sein mag.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist nur allzu verst\u00e4ndlich und menschlich nachvollziehbar, selbst jenen die Antwort verweigern zu wollen, die mit den besten Absichten fragen. Denn die Frage nach der Herkunft, kann mit gro\u00dfen Schmerzen verbunden sein. Sie kann Erinnerungen an Verlust, an Trauer, an gro\u00dfes Unrecht und verschiedenste Traumata hervorbringen. Die beste Absicht kann diesen Schmerz, der&nbsp;&nbsp;bei manchen durch die Frage nach der Herkunft ausgel\u00f6st werden kann, nicht lindern.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Manche unter uns meinen auch, dass die Frage nach der Herkunft f\u00fcr sich bereits den Gedanken der Ausgrenzung, der Delegitimierung einer gleichberechtigten Teilhabe an dieser Gesellschaft impliziere. Sie wollen diese Frage zur\u00fcckweisen, weil sie ein Machtgef\u00e4lle zu Lasten der Befragten konserviere. Die Verweigerung einer Antwort soll dieses Machtgef\u00e4lle umkehren. Die Delegitimierung der Frage nach der Herkunft des Anderen soll emanzipieren und jene ausgrenzen, die zu fragen gewagt haben.\u00a0<\/p>\n\n\n\n<p>Aber hierin liegt kein Segen. Denn diesem Wunsch, die gesellschaftlichen Machtverh\u00e4ltnisse nur umzukehren, sie nicht aufzul\u00f6sen, sondern nur zu eigenen Gunsten zu verdrehen, wohnt der Wunsch nach Wiedervergeltung inne. Ein solcher S\u00fchnegedanke dient aber nur der Z\u00e4hmung unserer dunkelsten Seiten, nicht aber unserer Reifung als Mensch. Zur\u00fcckweisung, die Ablehnung des Anderen, seine Zurechtweisung durch Diskursverweigerung empowern uns nicht, machen uns nicht stark gegen das Unrecht und die Ungerechtigkeit. Damit legen wir uns nur wieder neue Fesseln an. Fesseln der Selbstbeschr\u00e4nkung.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Unterstellung einer guten Absicht, die \u00dcberwindung der eigenen Verletzung und die Vergebung zugef\u00fcgter Wunden k\u00f6nnen es uns hingegen viel eher erm\u00f6glichen, das zu ver\u00e4ndern, was wir beklagen. Abwendung ist Ausgrenzung und verhindert die M\u00f6glichkeit der L\u00e4uterung; sie hindert uns daran, das wir uns selbst und andere zum Guten ver\u00e4ndern.<\/p>\n\n\n\n<p>Teilhabe in und an einer pluralistischen Gesellschaft wird nur dann gelingen, wenn wir diese Teilhabe nicht als einseitigen Anspruch begreifen, sondern als wechselseitige Herausforderung. In dem Ma\u00dfe, in dem wir unsere Umwelt an dem teilhaben lassen, was wir sind und was uns ausmacht, k\u00f6nnen wir diese Umwelt dazu bef\u00e4higen, sich zum Guten zu ver\u00e4ndern. Das gilt auch f\u00fcr die Schmerzen, die wir empfinden; auch f\u00fcr die Wunden, die uns geschlagen wurden.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Nur im fortdauernden Gespr\u00e4ch, dem geduldigen Austausch werden wir Unwissenheit und Irrtum \u00fcberwinden. Und wir werden die M\u00f6glichkeit entdecken, das zu finden, was uns in aller Individualit\u00e4t anders sein l\u00e4sst, uns erlaubt, mit all unseren Besonderheiten der Andere zu bleiben, und uns aber gleichzeitig miteinander verbindet.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Sure al-Balad (Sure 90) beschreibt die Offenbarung unsere Existenz als eine von M\u00fchsal gepr\u00e4gte Suche. Sie verspricht uns nicht eine von Konflikten befreite, von Widerspr\u00fcchen verschonte, von Verletzungen beh\u00fctete Existenz.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Um es mit den poetischen Worten der \u00dcbersetzung Friedrich R\u00fcckerts zu sagen, der versucht, die Reimprosa des Originals einzufangen: \u201eSoll ich schw\u00f6ren bei dieser Stadt? Beim S\u00e4emann und seiner Saat! Wir erschufen den Menschen zu harter Tat. Meint er, dass Niemand Gewalt auf ihn hat? Er spricht: O wie vieles Gut ich zertrat! Meint er, dass Niemand gesehn ihn hat? Wer hat ihm die Augen bereitet? Und die Lippen ihm geweitet? Und auf den Scheideweg ihn geleitet? Doch er erklimmt nicht den hohen Rand. Wei\u00dft Du, was ist der hohe Rand? Zu l\u00f6sen der Gefangenen Band; Zu speisen, wenn der Hunger im Land, Den Waisen, der dir anverwandt, Den Armen, der dir unbekannt.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn wir einander das Gespr\u00e4ch verweigern, wie k\u00f6nnen wir dann jemals entdecken, dass der biblische Text einen \u00e4hnlichen Schwur kennt? In Jesaja 58:6-7 hei\u00dft es: \u201eNein, das ist ein Fasten, wie ich es liebe: die Fesseln des Unrechts zu l\u00f6sen, die Stricke des Jochs zu entfernen, die Versklavten freizulassen, jedes Joch zu zerbrechen, an die Hungrigen dein Brot auszuteilen, die obdachlosen Armen ins Haus aufzunehmen, wenn du einen Nackten siehst, ihn zu bekleiden und dich deinen Verwandten nicht zu entziehen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Wir d\u00fcrfen uns dem Erklimmen des hohen Randes, dem Beschreiten des steinigen Pfades nicht verweigern, wenn wir die Fesseln des Unrechts l\u00f6sen wollen. Der Schl\u00fcssel zu unserem Zusammenleben liegt nicht darin, sich einander zu verweigern und zu verstummen. Wir m\u00fcssen einander viel mehr Fragen stellen. Also, fragt einander h\u00e4ufiger \u201eWoher kommst Du?\u201c, \u201eWas hat Dich zu dem gemacht, der Du heute bist?\u201c&nbsp;Und bleibt nicht bei dieser Frage stehen. Fragt weiter. Fragt einander nicht nur, woher ihr kommt. Fragt: \u201eWo willst Du hin?\u201c, \u201eWas sind Deine Ziele, Deine Hoffnungen, Deine W\u00fcnsche im Leben?\u201c Und fragt einander: \u201eWie kann ich Dir dabei helfen, Deine Ziele zu erreichen?\u201c. (mk)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Frage \u201eWoher kommst Du?\u201c bewegt unser Land seit einigen Tagen. In dieser Frage und in den Diskussionen, die sie ausl\u00f6st, spiegelt sich die Seele unserer Gesellschaft. In den lebendigen und teilweise scharfen Debatten, die wir miteinander und viel zu oft gegeneinander f\u00fchren, verk\u00f6rpert sich der Zustand unseres gesellschaftlichen Zusammenlebens. 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