Der Rassismus in den eigenen Reihen

Ein Gastbeitrag von Aaliyah Bah-Traoré

Allah der Erhabene sagt in seiner Schrift: “O ihr Menschen, Wir haben euch von einem männlichen und einem weiblichen Wesen erschaffen, und Wir haben euch zu Verbänden und Stämmen gemacht, damit ihr einander kennenlernt. Der Angesehenste von euch bei Gott, das ist der Gottesfürchtigste von euch.” (Sure 49:13)

Wir reden oft davon, dass wir Muslime eine Umma, eine Gemeinschaft sind. Wir loben uns, dass wir unser Handeln am Koran und der Sunna unseres Propheten Muhammed, Frieden und Segen Allahs seien auf ihm, ausrichten. Damit müsste auch der oben zitierte Vers Grundlage für muslimisches Denken und Handeln sein.

Gleichzeitig können wir aber beobachten, dass viele Muslime in einer völkischen und daraus resultierenden religiösen Überhöhung ihrer selbst verfangen sind. Dieser Missstand drückt sich etwa im Verhalten gegenüber schwarzen Muslimen aus, die im Vergleich zu sich selbst als “unzivilisiert”  bezeichnet werden.


Dabei wird völlig außer Acht gelassen, dass der Islam sich zuerst in Afrika ausbreitete. So war die Stadt Timbuktu in Mali mehrere Jahrhunderte lang das Zentrum der islamischen Geisteswissenschaften. Muslime aus vielen Ländern reisten dorthin, um in den zahlreichen Universitäten Fächer wie Arabisch, Rhetorik, Koranexegese und islamische Jurisprudenz zu studieren. Wer damals Gelehrter werden wollte, musste ein abgeschlossenes Studium in Timbuktu als Referenz vorweisen. Doch vielen Muslimen sind berühmte schwarze Gelehrte wie Sheikh Ahmadou Bamba, Osman Dan Fodio und seine Tochter Nana Asma Dan Fodio heute erst gar nicht bekannt.

Deswegen ist es beschämend, dass schwarze Muslime unter ihren Glaubensgeschwistern viel mehr Rassismus erfahren als von der Mehrheitsgesellschaft. Es passiert größtenteils in Moscheen, im Haus Allahs, in dem nationale Markierungen, Nationalität und faschistische Arroganz nichts zu suchen haben. Schwarze Muslime werden hier mit rassistischen Fragen und Äußerungen konfrontiert. Mal heißt es: “Können schwarze Muslime überhaupt richtig den Koran lesen?” Oder: “Seid froh, dass ihr Schwarzen überhaupt Muslime seid und ghusl (die rituelle Ganzkörperwaschung) vollzieht, sonst würdet ihr immer noch so wie die Schwarzen stinken, die keine Muslime sind.” Und: “Ihr Schwarzen seid noch nicht lange Muslime, wir Araber und Türken müssen euch den din (rechten Glauben) beibringen, denn wir sind die richtigen Muslime”.


Solche Aussagen sind erschreckend. Von welcher Hingabe zu Allah ist die Rede, wenn sich viele Muslime seiner Schöpfung gegenüber so verachtend und arrogant benehmen? Mit Geschwisterlichkeit, Barmherzigkeit und Liebe haben solche selbstherrlichen Kommentare nichts zu tun. Es scheint, dass der Begriff Umma von vielen Muslimen immer noch exklusiv und nicht inklusiv verstanden wird.

Niemand kann einen Besitzanspruch auf unseren Schöpfer und unseren Propheten, Frieden und Segen Allahs seien auf ihm, stellen. Wir müssen endlich verinnerlichen, dass die Hingabe zu Allah nichts mit unserer Nationalität oder Hautfarbe zu tun hat. Niemand kann nur aufgrund der Herkunft ein besserer Muslim oder eine bessere Muslima sein. Es bleibt ein Rätsel, warum so viele Muslime sich über die Ausgrenzung durch die Mehrheitsgesellschaft beschweren, während sie in den eigenen Gemeinschaften genauso ein rassistisches Verhalten gegenüber Glaubensgeschwistern, die eine andere Herkunft haben als sie, an den Tag legen. Viele sehen mittlerweile bei der älteren Generation über dieses Problem hinweg. Jedoch ist niemand zu alt, um auf seine Fehler hingewiesen zu werden und aus ihnen zu lernen. Egal ob jung oder alt ­– lasst uns gemeinsam als Muslime, die in Deutschland leben und durch die deutsche Sprache miteinander verbunden sind, daran arbeiten, dass die Distanz zwischen uns nicht noch größer wird. Und lasst uns Allah für die Vielfalt danken, die er als ein Segen und eine Bereicherung für uns alle erschaffen hat, indem wir danach schauen, welche Schätze in dem anderen verborgen sind, und einander helfen, diese hervor zu holen, um uns gegenseitig zu bereichern.