Kein liberaler Muslim

Vor einigen Freitagsworten haben wir gemeinsam darüber nachgedacht, warum es keine „konservativen“ Muslime geben kann. Am heutigen Freitag wollen wir näher beleuchten, welche Verirrungen sich hinter der Formulierung „liberaler Muslim“ verbergen.

Bereits die Realität unserer gesellschaftlichen Diskussion über vermeintlich „konservative“ und „liberale“ Muslime verdeutlicht mit der ihr innewohnenden destruktiven Spannung, dass in dieser konstruierten Spaltung von Muslimen bereits der Keim gegenseitiger Anfeindung und damit wenig Segen für unser Zusammenleben liegt. Dem Begriff des Liberalismus entsprechend betonen Personen, die sich explizit als „liberale Muslime“ verstanden wissen wollen, ihre  Glaubensauffassung wurzele in dem Verständnis von Freiheit.

Häufig genug muss aber die Abgrenzung, die Distanzierung, die Zurückweisung anderer Muslime, nämlich jener, die als „konservativ“ markiert werden, dafür herhalten, ein vermeintlich freiheitliches Islamverständnis darzulegen. Das ist nicht sehr überzeugend. Weiterlesen „Kein liberaler Muslim“

Gott verbindet alle Menschen miteinander

Die ersten von Gott herabgesandten Verse sind ein wundersames Beispiel für die sprachliche Komplexität und die poetische Schönheit des Koran. Diese Verse dokumentieren, welche unterschiedlichen Bedeutungsebenen und Auslegungsmöglichkeiten selbst in kürzesten Versen oder gar nur in einzelnen Worten des Koran enthalten sind. All dies ist eine nimmer endende Herausforderung an uns Menschen, uns die göttliche Offenbarung auch immer wieder aufs Neue anzueignen.

In diesen ersten Versen der 96. Sure, welche den Titel „Al Alaq“ trägt, heißt es: „Lies im Namen deines Herrn, Der erschuf! Er erschuf den Menschen aus einem Blutklumpen.“ Welch immenser Schatz in diesen zwei scheinbar schlichten Sätzen verborgen ist, mag uns im ersten Moment entgehen.

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Die Frau ist kein Rippenklon des Mannes

Eine Gemeinschaft ist nur so stark und für die Herausforderungen der Zukunft nur dann gewappnet, wenn sie immer wieder aufs Neue dazu bereit ist, althergebrachte Ansichten, überlieferte Anschauungen und Wertungen zu hinterfragen. Wir müssen unser für richtig erachtetes Verhalten mit dem Licht der Offenbarung des Islam immer wieder neu beleuchten.

Denn wir Menschen sind fehlbar, irrend und unvollkommen. So sind auch unsere Ansichten stets der Gefahr ausgesetzt, in die Irre zu gehen, von der islamischen Offenbarung abzuweichen und den rechten Weg, den „siratel mustakim“ zu verlassen. Wenn wir täglich beim Verrichten unserer Ritualgebete wiederholt Gott darum bitten, uns auf diesen rechten Weg zu führen, kommt darin eben diese Überzeugung zum Ausdruck, dass unsere menschlichen Überzeugungen und tradierten Vorstellungen vom rechten Weg wegführen können. Weiterlesen „Die Frau ist kein Rippenklon des Mannes“

Zu Fragen bedeutet, Hoffnung zu haben

In der Sure Bakara wird die Schöpfung Adams in einem Dialog zwischen Gott und den Engeln aufgegriffen:

“Damals, als dein Herr zu den Engeln sprach: “Siehe, einen Sachwalter will ich einsetzen auf der Erde!” Da sprachen sie: “Willst du jemanden auf ihr einsetzen, der Unheil auf ihr anrichtet und Blut vergießt – wo wir dir Lobpreis singen und dich heiligen?” Er sprach: “Siehe, ich weiß, was ihr nicht wisst.”” (2:30)

In weiteren Versen wird die Geschichte der Schöpfung Adams (as) weitererzählt, sein Straucheln, aber auch die Reue und Vergebung, die ihm zuteil wurde. Wir wollen aber bei diesem Vers bleiben. In Erläuterungen wird gerne der Begriff Sachwalter näher betrachtet –  die Frage, welche Rolle dem Mensch daraus zukommt. Oder die Zuschreibung der Engel für den Menschen als Unheilstifter und Blutvergießer wird aufgegriffen. Ein Aspekt dieses Verses fällt uns jedoch selten auf: Die fragenden, ja sogar hinterfragenden Engel. Weiterlesen „Zu Fragen bedeutet, Hoffnung zu haben“

Brüder im Tin

Wir alle kennen den berühmten Hadîs unseres Propheten, Friede sei mit ihm, in dem es sinngemäß heißt: „Wer das, was er für sich liebt, nicht auch seinem Bruder wünscht, der hat nicht die höheren Stufen des Iman (Glauben).“ Wir haben ihn sehr oft gehört, geben ihn häufig wieder und nicken jedes Mal zustimmend. Wir verstehen unter diesem Hadîs zunächst, dass man auch seinem muslimischen Bruder das wünschen soll, was man für sich selber liebt. Doch dieser Hadîs hat eine weitere Dimension, die wir oft außer Acht lassen.

Der große Hadîsgelehrte Imam Nawawi erklärt in seinem Kommentar zu diesem Hadîs den Begriff „Bruder“ auf zwei verschiedene Weisen. Imam Nawawi weist darauf hin, dass mit „Bruder“ einerseits „Brüderlichkeit im Din“, also im Islam, gemeint ist. Für seinen Bruder im Islam wünscht man eben alles, was man auch für sich selber liebt.

Aber zusätzlich zur Brüderlichkeit im Din gibt es nach Imam Nawawi auch die „Brüderlichkeit im Tin“. „Tin“ steht für Lehm oder Erde. Mit der „Brüderlichkeit im Tin“ verweist Imam Nawawi auf die Brüderlichkeit als Menschen, denn in Sure 15, Vers 26 heißt es im Koran: „Und wahrlich, wir haben den Menschen erschaffen aus trockenem, getöntem Lehm, aus schwarzem, zu Gestalt gebildetem Schlamm.“ Weiterlesen „Brüder im Tin“