Seelen-Nahrung

Nehmen wir unsere Mitmenschen tatsächlich wahr? Die Menschen um uns herum, sind wir uns ihrer Existenz vollends bewusst? Morgens wenn wir beim Frühstücken unseren Kaffee schlürfen und unserem Ehepartner gegenübersitzen, sehen wir dann in ihren, in seinen Augen, wie es ihr oder ihm geht? Motiviert uns der Blickkontakt und das Wechseln ein paar netter Worte den Alltag mit Leichtigkeit zu bewältigen? Sind wir im Kopf schon bei der Arbeit, wenn unsere Kinder uns eine Frage stellen? Ach, sie stellen so viele Fragen. Sehen wir die Enttäuschung in ihren Gesichtern, wenn sie uns dabei ertappen, wie wir ihnen nicht antworten können, weil wir ihnen nicht zugehört haben? Weiterlesen „Seelen-Nahrung“

Die Frau ist kein Rippenklon des Mannes

Eine Gemeinschaft ist nur so stark und für die Herausforderungen der Zukunft nur dann gewappnet, wenn sie immer wieder aufs Neue dazu bereit ist, althergebrachte Ansichten, überlieferte Anschauungen und Wertungen zu hinterfragen. Wir müssen unser für richtig erachtetes Verhalten mit dem Licht der Offenbarung des Islam immer wieder neu beleuchten.

Denn wir Menschen sind fehlbar, irrend und unvollkommen. So sind auch unsere Ansichten stets der Gefahr ausgesetzt, in die Irre zu gehen, von der islamischen Offenbarung abzuweichen und den rechten Weg, den „siratel mustakim“ zu verlassen. Wenn wir täglich beim Verrichten unserer Ritualgebete wiederholt Gott darum bitten, uns auf diesen rechten Weg zu führen, kommt darin eben diese Überzeugung zum Ausdruck, dass unsere menschlichen Überzeugungen und tradierten Vorstellungen vom rechten Weg wegführen können. Weiterlesen „Die Frau ist kein Rippenklon des Mannes“

Wo Gott ist, ist Hoffnung

  1. „Ein Zeichen davon, dass man sich noch auf seine eigenen Taten verlässt, ist, dass sich bei einem Fehltritt die Hoffnung vermindert.“

Dies ist der erste Aphorismus in der Sammlung „al-Hikam“ des spirituellen Meisters Ibn Ata‘illah al-Iskandari.

Nicht umsonst ist dieser „geistreiche Sinnspruch“, wie der Duden den „Aphorismus“-Begriff vorschlägt, die Einführung zum Werk al-Iskandaris; und nicht umsonst stammt er von einem Geistlichen, einem Sufi, also einem Gottsuchenden, einem, der ungetrübt und deutlich erkennt. Weiterlesen „Wo Gott ist, ist Hoffnung“

Persönliche Ramadan-Bilanz

Wir sind am Ende des Ramadan angelangt. Ein Monat liegt hinter uns, dessen Tage wir fastend und dessen Nächte wir im Gebet verbracht haben. Wir haben uns darum bemüht, die uns auferlegten Rituale und religiösen Pflichten in der besten Weise zu erfüllen.

Wir haben Acht gegeben auf den Beginn der Morgendämmerung und damit den Beginn der täglichen Fastenzeit. Wir haben Acht gegeben auf den Sonnenuntergang und damit den Beginn unseres Iftar. Wir haben Geborgenheit gefunden in den nächtlichen Teravih-Gebeten.

Wir haben auf all diese Details geachtet und uns darum bemüht, gute Muslime zu sein.

Aber der Ramadan ist auch der Monat der guten Taten. Wie oft haben wir es geschafft, in diesem Monat einen anderen Menschen glücklich zu machen? Wie viele segensreiche Taten haben wir vollbracht, damit die Gesellschaft, in der wir leben, eine bessere und glücklichere ist, als sie es zum Beginn des Ramadan war? Weiterlesen „Persönliche Ramadan-Bilanz“

Herr, erbarme Dich meiner Eltern

Wir durchleben sehr unterschiedliche Phasen in unserem Leben. Wir werden geboren, wachsen heran, viele von uns gründen Familien und bekommen Kinder. Unsere Lebensläufe sind sehr verschieden, wir alle schauen ganz unterschiedlich in die Zukunft, jeder auf unsere eigene Art. Familie, Beruf, Freundeskreis, unsere Freizeitbeschäftigungen binden uns alle, vereinnahmen uns.

Oft vergessen wir dabei gerade die zwei Menschen, ohne die es diese ganzen Lebensläufe und alles drum herum gar nicht gegeben hätte: unsere Eltern. Es ist heute keine Selbstverständlichkeit mehr, dass Eltern und Kinder ein ganzes Leben in einem Haus verbringen. Viel wahrscheinlicher ist es, dass mit Aufnahme des Studiums oder einer Berufsausbildung oder der Gründung einer Familie Eltern und Kinder sogar nicht einmal in ein und derselben Stadt leben.

Die Beziehung zwischen Eltern und ihren Kindern gehört zu den zwischenmenschlichen Beziehungen, die im Koran eine besondere Aufmerksamkeit erfahren. Dabei belässt es der Koran jedoch nicht nur bei der Darstellung von Rechten und Pflichten von Eltern gegenüber ihren Kindern. Auch die Haltung der Kinder gegenüber ihren Eltern wird dort aufgegriffen.

“Und Wir geboten dem Menschen Güte gegen seine Eltern.” (29:8) Weiterlesen „Herr, erbarme Dich meiner Eltern“

Highway to Hell

Wieder erschüttern Anschläge die Welt. Massenmörder berufen sich im Monat Ramadan, dem Monat, in dem die ersten Verse des Koran offenbart wurden, auf den Islam, wenn sie Menschen umbringen. Manch einer der Mörder meint sogar, es sei ihm eine besondere Pflicht, eine besondere Aufgabe, im Ramadan zu morden. Angesichts dieser Tatsachen muss uns endlich klar werden, wie nutzlos und wie wirkungslos alle unsere bisherigen Aufrufe, alle unsere Pressemitteilungen und Verurteilungsrituale sind.

Diese grausamen Morde immer wieder aufs Schärfste zu verurteilen, hat keine Wirkung. Diese Geste wirkt zunehmend unbeholfen und teilnahmslos. Wie scharf kann eine Verurteilung sein, wenn sie ständig mit nahezu dem gleichen Wortlaut, als eine Art eingeübte Betroffenheit erfolgt? Die Verurteilung im Superlativ wird mit jeder Wiederholung unglaubwürdiger. Sie ist zweifellos ernst gemeint. Sie wirkt aber zunehmend hilflos. Weiterlesen „Highway to Hell“

Zu Fragen bedeutet, Hoffnung zu haben

In der Sure Bakara wird die Schöpfung Adams in einem Dialog zwischen Gott und den Engeln aufgegriffen:

“Damals, als dein Herr zu den Engeln sprach: “Siehe, einen Sachwalter will ich einsetzen auf der Erde!” Da sprachen sie: “Willst du jemanden auf ihr einsetzen, der Unheil auf ihr anrichtet und Blut vergießt – wo wir dir Lobpreis singen und dich heiligen?” Er sprach: “Siehe, ich weiß, was ihr nicht wisst.”” (2:30)

In weiteren Versen wird die Geschichte der Schöpfung Adams (as) weitererzählt, sein Straucheln, aber auch die Reue und Vergebung, die ihm zuteil wurde. Wir wollen aber bei diesem Vers bleiben. In Erläuterungen wird gerne der Begriff Sachwalter näher betrachtet –  die Frage, welche Rolle dem Mensch daraus zukommt. Oder die Zuschreibung der Engel für den Menschen als Unheilstifter und Blutvergießer wird aufgegriffen. Ein Aspekt dieses Verses fällt uns jedoch selten auf: Die fragenden, ja sogar hinterfragenden Engel. Weiterlesen „Zu Fragen bedeutet, Hoffnung zu haben“

Der Verzicht nimmt nicht, der Verzicht gibt

Die Zeit verfliegt schnell. Man kann sich noch an die Nächte des letzten Ramadans erinnern, als ob es noch gestern war, aber schon stehen wir wieder an der Schwelle zum Fastenmonat. Jedes Jahr ist die Vorfreude groß bei uns Muslimen. Man bereitet sich vor auf diesen gesegneten Monat, sowohl geistig als auch körperlich. Man hat Vorfreude auf den Monat des Verzichts, weil – um es mit dem deutschen Philosophen Martin Heidegger zu sagen – „Der Verzicht nimmt nicht, der Verzicht gibt. Er gibt die unerschöpfliche Kraft des Einfachen.“

Der Fastenmonat Ramadan ist aber auch mehr als Fasten und Enthaltsamkeit. Unser Prophet, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, sagte, dass Viele von ihrem Fasten nichts haben außer Hunger und nichts von ihren nächtlichen Gebeten außer Müdigkeit. Das Fasten gehe weit über den bloßen Verzicht auf Essen, Trinken und Sex hinaus. Vielmehr müssen wir uns vor allem bewahren, was uns von unserem Fasten ablenkt. In einem anderen Hadith sagt unser Prophet, dass jedem alle vergangenen falschen Handlungen vergeben werden, der den Ramadan mit Iman und dem Bewusstsein um die Belohnung dafür fastet. Weiterlesen „Der Verzicht nimmt nicht, der Verzicht gibt“

Brüder im Tin

Wir alle kennen den berühmten Hadîs unseres Propheten, Friede sei mit ihm, in dem es sinngemäß heißt: „Wer das, was er für sich liebt, nicht auch seinem Bruder wünscht, der hat nicht die höheren Stufen des Iman (Glauben).“ Wir haben ihn sehr oft gehört, geben ihn häufig wieder und nicken jedes Mal zustimmend. Wir verstehen unter diesem Hadîs zunächst, dass man auch seinem muslimischen Bruder das wünschen soll, was man für sich selber liebt. Doch dieser Hadîs hat eine weitere Dimension, die wir oft außer Acht lassen.

Der große Hadîsgelehrte Imam Nawawi erklärt in seinem Kommentar zu diesem Hadîs den Begriff „Bruder“ auf zwei verschiedene Weisen. Imam Nawawi weist darauf hin, dass mit „Bruder“ einerseits „Brüderlichkeit im Din“, also im Islam, gemeint ist. Für seinen Bruder im Islam wünscht man eben alles, was man auch für sich selber liebt.

Aber zusätzlich zur Brüderlichkeit im Din gibt es nach Imam Nawawi auch die „Brüderlichkeit im Tin“. „Tin“ steht für Lehm oder Erde. Mit der „Brüderlichkeit im Tin“ verweist Imam Nawawi auf die Brüderlichkeit als Menschen, denn in Sure 15, Vers 26 heißt es im Koran: „Und wahrlich, wir haben den Menschen erschaffen aus trockenem, getöntem Lehm, aus schwarzem, zu Gestalt gebildetem Schlamm.“ Weiterlesen „Brüder im Tin“

Wir müssen aufhören, aus Mitmenschen „Behinderte“ zu machen

650 Millionen Menschen weltweit. Das sind 10% der Weltbevölkerung. Damit ist diese Gruppe weltweit die größte Minderheit. Es handelt sich um Menschen mit Behinderung. Allein in Deutschland leben etwa 10 Millionen Menschen mit Behinderungen, davon etwa 7 Millionen mit einer Schwerbehinderung. Das heißt, dass etwa jeder zehnte Mensch in Deutschland behindert ist. Diese Zahl wird größer werden. Mit zunehmendem Alter wird die Zahl der behinderten Menschen ansteigen. Jeder Dritte von Menschen über 75-Jahren lebt mit Behinderungen.

Warum ist uns diese Zahl im Alltag nicht bewusst? Weil Menschen mit Behinderung häufig am Rand der Gesellschaft leben, von einer aktiven Teilnahme am gesellschaftlichen Leben, in der Mitte der Gesellschaft ausgeschlossen werden. Diese Menschen haben es schwerer, eine gute Bildung zu erhalten, sich im Alltag frei zu bewegen, ohne Einschränkungen Orte ihrer Wahl aufzusuchen. Sie haben es schwerer, Arbeit zu finden, selbst wenn sie dafür qualifiziert sind. Weiterlesen „Wir müssen aufhören, aus Mitmenschen „Behinderte“ zu machen“