Frevler sind immer die anderen

Der Weg in die Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert. Dieser Sinnspruch ist in vielen Kulturen, in vielen unterschiedlichen Sprachen bekannt. Wir Muslime sind davon überzeugt, dass der Vorsatz, die Absicht, die unserem Handeln zu Grunde liegt, das Entscheidende ist. Wir nehmen häufig an, das Resultat unseres Handelns oder unserer Untätigkeit sei nicht so bedeutsam, wie die Absicht, die unserem Tun oder Unterlassen zu Grunde liegt. In diesem Denken liegt zugleich große Einsicht und tiefer Irrtum.

Einsicht insoweit, dass wir natürlich in Allahs Hand sind und die Ereignisse um uns allein seinem Willen folgen.

Aber zugleich auch tiefer Irrtum, wenn wir annehmen, es käme nicht auf unser konkretes Verhalten, nicht auf unsere Mühe im alltäglichen Tun an und nur unsere innere Haltung, unsere Motive und stillen Absichten seien genug. Ein tiefer Irrtum auch dann, wenn wir annehmen, wir könnten unsere vermeintlich so gefestigten guten Absichten zum Maßstab für das Verhalten anderer Menschen machen.

Wie häufig passiert es, dass wir uns besser als andere, vielleicht tugendhafter als andere fühlen, weil wir unsere muslimischen Absichten dem konkreten Verhalten anderer Menschen gegenüberstellen – ohne dass wir uns aufrichtig selbst befragen, ob wir unsere Absichten auch in ein eigenes konkretes Handeln haben umsetzen können, das auch anderen als Vorbild taugt? Oder ohne dass wir uns Gedanken darüber machen, welche Motive, welche Gründe ein anderer Mensch für sein Verhalten haben mag?

Wie häufig passiert es, dass wir über Menschen urteilen, weil sie nicht so aussehen, sich nicht so verhalten, nicht so glauben, ihren Glauben nicht so praktizieren, nicht so aussehen oder nicht so reden, wie wir es uns als richtig vorstellen? Und schon sind wir auf einem Pfad, in dessen Verlauf wir uns immer mehr in der Rolle gefallen, über andere Menschen urteilen zu können.

Schon maßen wir uns im Alltäglichen, im Kleinen eine Rolle an, die nur Allah als „Herrscher, am Tag des Gerichts“ zusteht – so rezitieren wir diese Passage aus der Sure Fatiha täglich bei allen unseren Gebeten. Und doch übersehen wir, dass wir dazu neigen, unsere Vorstellungen von richtig und falsch, von Recht und Unrecht, von Tugend und Frevel zum Richtmaß für das Verhalten anderer Menschen zu machen.

Diese Anmaßung von Urteilskraft und die Überzeugung von der Unfehlbarkeit der eigenen Absichten sind bereits Schritte in Richtung jenes Verhaltens, von dem Allah uns im Koran wissen lässt, dass er es nicht vergeben wird. (vgl. Sure 4, Vers 116). Ein solches Verhalten bringt uns in die Nähe des Shirk – in die Gefahr der Beigesellung, der Verleugnung der Einzigkeit Allahs.

Nicht nur der Götzendienst, wie er in der Offenbarung am Beispiel der polytheistischen Stämme beschrieben wird, ist Shirk. Jedes Verhalten, das einen anderen außer Allah zum Ziel von Hoffnung und Gebeten werden lässt, jedes Verhalten, mit dem auch jemand anderem die Macht zugeschrieben wird, allein durch seinen Willen über Menschen richten zu können, jedes Verhalten mit dem wir über die Motive, die Beweggründe oder das Verhalten anderer Menschen als islamisch oder unislamisch urteilen – all dies sind Schritte, die uns dem Abgrund des Shirk näher bringen.

Es ist eben nicht so, wie manchmal unwissend über den Islam gesprochen und diskutiert wird: Der Islam habe einen zornigen, eifersüchtigen Allah im Zentrum seiner Glaubensvorstellung, der neben sich niemand anderen mehr dulde.

In Wirklichkeit ist es ganz anders: Allah weiß um seine Schöpfung. Er kennt unsere Machttrunkenheit. Er kennt unseren Stolz und unsere Eitelkeit. Er weiß, dass uns die Ausübung von Autorität hartherzig und ungerecht werden lässt. Er weiß, dass wir in Fragen des Glaubens dazu neigen, uns für vollkommen und andere stets für mit Makeln behaftet zu halten. Denn Frevler sind immer die anderen.

Allah lässt uns durch die Worte Luqmans, die er an seinen Sohn richtet, wissen, dass Shirk ein „großer Frevel, ein großes Unrecht“ ist. (vgl. Sure 31, Vers 13) Es ist bemerkenswert, dass im Original der Offenbarung Shirk mit den Worten „zulmun aziym“ beschrieben wird. Zulmun leitet sich vom Wortstamm Zulmet ab. Es bedeutet so viel wie Dunkelheit oder Finsternis.

Allah betont seine Einzigkeit deshalb in dieser ausschließlichen und alternativlosen und nicht zu relativierenden Weise: Damit auf Erden kein Mensch sich zum Gott seines Nächsten erhebe. Weder in den großen, elementaren Dingen der menschlichen Existenz, noch im kleinen und scheinbar verborgenen Detail des alltäglichen Miteinanders.

Denn es sind diese kleinen, vermeintlich unschuldigen und unbedeutenden Schritte der Selbstgerechtigkeit und der Geringschätzung des Anderen, mit denen wir vom rechten Pfad abkommen und uns immer weiter in Ungerechtigkeit, Hass und Verblendung verirren. Es sind diese Schritte, mit denen wir uns und andere in die Dunkelheit führen. (mk)

Näher als unsere Halsschlagader …

Wenn wir uns mit dem Koran als Quelle der uns anvertrauten Offenbarung Allahs beschäftigen, fällt uns auf, dass es bestimmte Formulierungen gibt, die sich häufig wiederholen. Hierzu zählt insbesondere auch der in ähnlichen wiederkehrenden Formulierungen erfolgende Hinweis auf den Verstand des Menschen und die Aufforderung, diesen zu gebrauchen. Weiterlesen “Näher als unsere Halsschlagader …”

Allah ist überall

Der Moscheebau ist für uns Muslime ein wichtiges Zeichen der Sesshaftwerdung, des sich dauerhaft Niederlassens in einer neuen Heimat. Provisorische Gebetsräume werden immer mehr durch auf Dauer angelegte, entsprechend große und prunkvoll dekorierte Moscheen ersetzt. Bei der Planung wird nicht mehr nur an den Gebetssaal gedacht, sondern auch an Nebenräume für Gemeindearbeit, soziale Treffpunkte, Gastronomie.

Wer seine Freitagsgebete in provisorischen Hinterhofmoscheen, in zu Gebetsräumen umgebauten, viel zu kleinen Kellern oder Dachgeschossen verrichtet hat oder sich mit der Gemeinde in Turnhallen zum Feiertagsgottesdienst traf, der weiß zu schätzen, was er an einem gut ausgestatteten, neuen Moscheegebäude hat.

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Der Tanz um das goldene Ich

Der Mensch neigt dazu, sich abzugrenzen. Es ist aber mehr als ein Revierinstinkt, der bei vielen Geschöpfen in der Natur zu beobachten ist. Es geht dabei weniger um die Markierung eines Territoriums, welches durch Inbesitznahme und Verteidigung gegenüber Konkurrenten den eigenen Fortbestand sichern soll. Gleichwohl wir in dieser Beschreibung durchaus auch die zerstörerischen Ideologien um kollektiven „Lebensraum“ erkennen können, ist hier ein anderes Phänomen gemeint.

Es gehört zu den Versuchungen des Menschen, sich durch individuelle Zuschreibungen ein höheres Maß an Achtung und Wertigkeit beizumessen. Der individuelle Ansatz wird dabei gerechtfertigt durch die Ausdehnung dieser Perspektive auf das eigene Kollektiv. Das heißt, die individuelle Eitelkeit des Menschen versucht sich zu rechtfertigen, indem sie sich Komplizen schafft. Plötzlich sind es „Wir“, die anders, nämlich besser und anderen überlegen sind. Weiterlesen “Der Tanz um das goldene Ich”

Nicht wegschauen, sich kümmern

In Sure 5:90-92 wird der Alkoholkonsum verboten und grundsätzlich wird vom Konsum psychoaktiver Substanzen abgeraten, da sie die Wahrnehmung vernebeln. Gleichwohl gibt es in unserer Gemeinde Menschen, die süchtig sind oder ein Suchtverhalten aufweisen.

Begriffe wie Sucht und Suchtmittel, Drogen und Drogenabhängigkeit oder Spielsucht, Internetsucht und Alkoholsucht schrecken uns ab. Deshalb kommt es nicht selten vor, dass wir uns von Betroffenen distanzieren. Das wiederum führt dazu, dass die Betroffenen ihre Situation oft verheimlichen, um nicht von der Gesellschaft ausgegrenzt zu werden. Aus diesem Grund wird häufig auch das Angebot von Hilfs- und Beratungsstellen nicht angenommen – zu groß ist die Furcht vor gesellschaftlicher Ächtung und Gesichtsverlust.

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Highway to Hell

Wieder erschüttern Anschläge die Welt. Massenmörder berufen sich im Monat Ramadan, dem Monat, in dem die ersten Verse des Koran offenbart wurden, auf den Islam, wenn sie Menschen umbringen. Manch einer der Mörder meint sogar, es sei ihm eine besondere Pflicht, eine besondere Aufgabe, im Ramadan zu morden. Angesichts dieser Tatsachen muss uns endlich klar werden, wie nutzlos und wie wirkungslos alle unsere bisherigen Aufrufe, alle unsere Pressemitteilungen und Verurteilungsrituale sind.

Diese grausamen Morde immer wieder aufs Schärfste zu verurteilen, hat keine Wirkung. Diese Geste wirkt zunehmend unbeholfen und teilnahmslos. Wie scharf kann eine Verurteilung sein, wenn sie ständig mit nahezu dem gleichen Wortlaut, als eine Art eingeübte Betroffenheit erfolgt? Die Verurteilung im Superlativ wird mit jeder Wiederholung unglaubwürdiger. Sie ist zweifellos ernst gemeint. Sie wirkt aber zunehmend hilflos. Weiterlesen “Highway to Hell”

Brüder im Tin

Wir alle kennen den berühmten Hadîs unseres Propheten, Friede sei mit ihm, in dem es sinngemäß heißt: “Wer das, was er für sich liebt, nicht auch seinem Bruder wünscht, der hat nicht die höheren Stufen des Iman (Glauben).” Wir haben ihn sehr oft gehört, geben ihn häufig wieder und nicken jedes Mal zustimmend. Wir verstehen unter diesem Hadîs zunächst, dass man auch seinem muslimischen Bruder das wünschen soll, was man für sich selber liebt. Doch dieser Hadîs hat eine weitere Dimension, die wir oft außer Acht lassen.

Der große Hadîsgelehrte Imam Nawawi erklärt in seinem Kommentar zu diesem Hadîs den Begriff „Bruder“ auf zwei verschiedene Weisen. Imam Nawawi weist darauf hin, dass mit „Bruder“ einerseits „Brüderlichkeit im Din“, also im Islam, gemeint ist. Für seinen Bruder im Islam wünscht man eben alles, was man auch für sich selber liebt.

Aber zusätzlich zur Brüderlichkeit im Din gibt es nach Imam Nawawi auch die „Brüderlichkeit im Tin“. “Tin” steht für Lehm oder Erde. Mit der “Brüderlichkeit im Tin” verweist Imam Nawawi auf die Brüderlichkeit als Menschen, denn in Sure 15, Vers 26 heißt es im Koran: „Und wahrlich, wir haben den Menschen erschaffen aus trockenem, getöntem Lehm, aus schwarzem, zu Gestalt gebildetem Schlamm.“ Weiterlesen “Brüder im Tin”