Mehr als nur eine Welt

Jeden Tag, mehrmals täglich, verrichten wir unser Ritualgebet. Unzählige Male haben wir dabei die gleichen Koranverse rezitiert und werden sie immer wieder rezitieren. Die Eröffnungssure des Koran, die Fatiha, hat dabei große Bedeutung.

Sie ist das Fundament, der Kern unserer Ritualgebete. Immer wieder wiederholen wir die gleichen Worte, im stillen Gespräch mit Allah. Wir lauschen ihnen während der Rezitation durch den Imam. Die gleichen Verse markieren den Beginn und das Ende unseres Ritualgebets. Selbst wenn uns alles andere trennt, so vereinen uns die Verse der Fatiha im Moment des Gebets mit allen Muslimen dieser Welt.

Weiterlesen “Mehr als nur eine Welt”

Der Judenhass in unserer Mitte

Als muslimische Gemeinschaft sprechen wir gern über unsere religiösen Tugenden, über den Islam als Rechtleitung für unser Leben. Selten sprechen wir aber über die Verirrungen, denen wir erliegen. Solche Verirrungen sind menschlich. Sie sind Ausdruck unserer Unvollkommenheit.

Aber wir dürfen sie nicht hinnehmen, wir dürfen sie nicht leugnen oder verharmlosen. Denn dann laufen wir Gefahr, dass Verirrungen nicht mehr als solche erkannt werden, ja sogar als ihr Gegenteil, nämlich als authentische muslimische Haltung missverstanden und über Generationen hinweg aufrechterhalten werden.

Weiterlesen “Der Judenhass in unserer Mitte”

Von Osterhasen, Traditionshasen und Angsthasen

Heute ist Karfreitag. Für unsere christlichen Mitbürger ist dies ein Tag großer Trauer und des stillen Gedenkens. Ab Sonntag begehen sie voller Freude und Hoffnung das Osterfest – die im Bedeutungszusammenhang ihrer Religion betrachtet bedeutsamsten und höchsten Feiertage. Anlässlich solcher Feiertage entspinnt sich immer häufiger auch eine Debatte darüber, wie sehr solche Festtage noch geachtet und gepflegt werden oder wie sehr sie einem vermeintlich bedrängenden Einfluss des Islam unterliegen.

Weiterlesen “Von Osterhasen, Traditionshasen und Angsthasen”

Kein Abglanz des Mannes

Weltfrauentag.
Wieder sensible Texte.
Koranverse.
Prophetenzitate.

Und dann wieder 364 Tage Ungerechtigkeit, Benachteiligung und Geringschätzung.

Frauen nur im Verhältnis zum Mann wahrzunehmen – immer nur als Mutter, Tochter, Schwester oder Ehefrau – bedeutet auch, ihnen die Achtung als selbstbestimmter, gleichwertiger Mensch zu verweigern. Weiterlesen “Kein Abglanz des Mannes”

Männermoscheen

Es gibt Bereiche unseres religiösen Lebens, in denen wir die wechselseitige Beeinflussung von Tradition und Religion deutlicher spüren als sonst. Unterschiedliche historische, kulturelle und gesellschaftliche Prägungen wirken derart auf unser Glaubensverständnis und vielleicht noch deutlicher auf unsere Glaubenspraxis, dass es nach den vielen Jahrhunderten seit der Offenbarung des Koran schwieriger wird zu unterscheiden, was in unserem religiösen Alltag seinen Ursprung in Koran oder Sunna hat und was auf die Wirkmacht traditioneller Verhaltensmuster zurückzuführen ist.

Weiterlesen “Männermoscheen”

Hungrige Gäste im Paradies

Paradiesische Zustände für all jene, die ihr Vermögen vor dem Zugriff des Staates in Sicherheit bringen können. Das vermittelt der Inhalt zahlreicher Dokumente, die jüngst unter der Bezeichnung Paradise Papers veröffentlicht wurden. Sie dokumentieren, wie vermögende Menschen ihren Reichtum nicht unter Umgehung, sondern unter Ausnutzung des Rechts so organisieren, dass sie möglichst wenig davon – im vermeintlichen Idealfall gar nichts davon – an staatliche Steuerbehörden abgeben müssen. Weiterlesen “Hungrige Gäste im Paradies”

Der Tanz um das goldene Ich

Der Mensch neigt dazu, sich abzugrenzen. Es ist aber mehr als ein Revierinstinkt, der bei vielen Geschöpfen in der Natur zu beobachten ist. Es geht dabei weniger um die Markierung eines Territoriums, welches durch Inbesitznahme und Verteidigung gegenüber Konkurrenten den eigenen Fortbestand sichern soll. Gleichwohl wir in dieser Beschreibung durchaus auch die zerstörerischen Ideologien um kollektiven „Lebensraum“ erkennen können, ist hier ein anderes Phänomen gemeint.

Es gehört zu den Versuchungen des Menschen, sich durch individuelle Zuschreibungen ein höheres Maß an Achtung und Wertigkeit beizumessen. Der individuelle Ansatz wird dabei gerechtfertigt durch die Ausdehnung dieser Perspektive auf das eigene Kollektiv. Das heißt, die individuelle Eitelkeit des Menschen versucht sich zu rechtfertigen, indem sie sich Komplizen schafft. Plötzlich sind es „Wir“, die anders, nämlich besser und anderen überlegen sind. Weiterlesen “Der Tanz um das goldene Ich”

Moses lieben und Juden hassen?

Als muslimische Gemeinschaft sprechen wir gern über unsere religiösen Tugenden, über den Islam als Rechtleitung für unser Leben. Selten sprechen wir aber über die Verirrungen, denen wir erliegen. Solche Verirrungen sind menschlich. Sie sind Ausdruck unserer Unvollkommenheit.

Aber wir dürfen sie nicht hinnehmen, wir dürfen sie nicht leugnen oder verharmlosen. Denn dann laufen wir Gefahr, dass Verirrungen nicht mehr als solche erkannt werden, ja sogar als ihr Gegenteil, nämlich als authentische muslimische Haltung missverstanden und über Generationen hinweg aufrechterhalten werden. Weiterlesen “Moses lieben und Juden hassen?”

Aufrichtigkeit ist keine Teilzeitbeschäftigung

„Sprecht: Wir glauben an Gott und an das, was zu uns herabgesandt wurde, und an das, was herabgesandt wurde zu Abraham, Ismael, Isaak, Jakob und den Stämmen, und an das, was Mose und Jesus zugekommen ist, und an das, was den anderen Propheten von ihrem Herrn zugekommen ist. Wir machen bei keinem von ihnen einen Unterschied. Und wir sind Ihm ergeben.“ So steht es in Sure 2, Vers 136 des Koran.

Der letzte Satz dieses Verses lautet im arabischen Original „ve nahmu lehu muslimune“. Das heißt, die aufrichtige Haltung, Gott gegenüber ergeben zu sein, sich mit seinem Antlitz Gott zugewandt zu haben, wird als „muslimune“, also als „muslimische“ Eigenschaft beschrieben. Muslimische Frömmigkeit wird somit als eine authentische, eine aufrichtige und wahrhaftig empfundene Ergebenheit beschrieben, die sich in der Haltung des Menschen, in seinem Wesen und seinem Verhalten, manifestiert.

Weiterlesen “Aufrichtigkeit ist keine Teilzeitbeschäftigung”

Nicht wegschauen, sich kümmern

In Sure 5:90-92 wird der Alkoholkonsum verboten und grundsätzlich wird vom Konsum psychoaktiver Substanzen abgeraten, da sie die Wahrnehmung vernebeln. Gleichwohl gibt es in unserer Gemeinde Menschen, die süchtig sind oder ein Suchtverhalten aufweisen.

Begriffe wie Sucht und Suchtmittel, Drogen und Drogenabhängigkeit oder Spielsucht, Internetsucht und Alkoholsucht schrecken uns ab. Deshalb kommt es nicht selten vor, dass wir uns von Betroffenen distanzieren. Das wiederum führt dazu, dass die Betroffenen ihre Situation oft verheimlichen, um nicht von der Gesellschaft ausgegrenzt zu werden. Aus diesem Grund wird häufig auch das Angebot von Hilfs- und Beratungsstellen nicht angenommen – zu groß ist die Furcht vor gesellschaftlicher Ächtung und Gesichtsverlust.

Weiterlesen “Nicht wegschauen, sich kümmern”