Das Anvertraute

Als Muslime in Deutschland leben wir in einer Zeit, in der unsere Religion und wir als ihre Angehörigen von allen Seiten kommentiert, inspiziert, eingeordnet und stigmatisiert werden. Zunehmend geraten wir als Muslime – gewollt oder ungewollt – in eine Rolle, die uns dazu drängt, uns ständig zu bestimmten Fragen und Themen zu positionieren. Anders ausgedrückt sind wir in eine Position geraten, in der wir nicht darstellen, wer oder was wir sind, sondern uns ständig rechtfertigen müssen, wer oder was wir nicht sind. „Liberal oder radikal“, „säkular oder islamistisch“, „pro-Erdogan oder anti-Erdogan“, „integriert oder segregiert“. Es scheint, dass Muslime kaum mehr selbst bestimmen können, wer sie sind, für was sie stehen und wie sie selbst die Dinge einordnen. Viele Muslime sind mit diesen Diskursen überfordert und sehen sich daher gezwungen, eine dieser Positionen einzunehmen, ohne zu reflektieren, ob und was für Auswirkungen derartige Positionierungen für uns Muslime in Deutschland haben. Weiterlesen “Das Anvertraute”

Ramadan – Spiritualität für Alle?

Im Ramadan erreicht die Spiritualität der Muslime ihren Höhenpunkt. Der Fastenmonat ist gesegnet von Gottesdiensten, die dem Gläubigen die Möglichkeit geben, körperlich und seelisch Allahs Nähe zu spüren. Sowohl das Fasten als auch das rituelle Gebet und die religiöse Pflichtgabe und Almosen sollen in diesem Monat intensiv verrichtet werden, so dass man sich im Alltag andere Prioritäten setzt muss, um von dem Segen des Ramadans möglichst viel zu empfangen.

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Der Judenhass in unserer Mitte

Als muslimische Gemeinschaft sprechen wir gern über unsere religiösen Tugenden, über den Islam als Rechtleitung für unser Leben. Selten sprechen wir aber über die Verirrungen, denen wir erliegen. Solche Verirrungen sind menschlich. Sie sind Ausdruck unserer Unvollkommenheit.

Aber wir dürfen sie nicht hinnehmen, wir dürfen sie nicht leugnen oder verharmlosen. Denn dann laufen wir Gefahr, dass Verirrungen nicht mehr als solche erkannt werden, ja sogar als ihr Gegenteil, nämlich als authentische muslimische Haltung missverstanden und über Generationen hinweg aufrechterhalten werden.

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Frevler sind immer die anderen

Der Weg in die Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert. Dieser Sinnspruch ist in vielen Kulturen, in vielen unterschiedlichen Sprachen bekannt. Wir Muslime sind davon überzeugt, dass der Vorsatz, die Absicht, die unserem Handeln zu Grunde liegt, das Entscheidende ist. Wir nehmen häufig an, das Resultat unseres Handelns oder unserer Untätigkeit sei nicht so bedeutsam, wie die Absicht, die unserem Tun oder Unterlassen zu Grunde liegt. In diesem Denken liegt zugleich große Einsicht und tiefer Irrtum.

Einsicht insoweit, dass wir natürlich in Allahs Hand sind und die Ereignisse um uns allein seinem Willen folgen.

Aber zugleich auch tiefer Irrtum, wenn wir annehmen, es käme nicht auf unser konkretes Verhalten, nicht auf unsere Mühe im alltäglichen Tun an und nur unsere innere Haltung, unsere Motive und stillen Absichten seien genug. Ein tiefer Irrtum auch dann, wenn wir annehmen, wir könnten unsere vermeintlich so gefestigten guten Absichten zum Maßstab für das Verhalten anderer Menschen machen.

Wie häufig passiert es, dass wir uns besser als andere, vielleicht tugendhafter als andere fühlen, weil wir unsere muslimischen Absichten dem konkreten Verhalten anderer Menschen gegenüberstellen – ohne dass wir uns aufrichtig selbst befragen, ob wir unsere Absichten auch in ein eigenes konkretes Handeln haben umsetzen können, das auch anderen als Vorbild taugt? Oder ohne dass wir uns Gedanken darüber machen, welche Motive, welche Gründe ein anderer Mensch für sein Verhalten haben mag?

Wie häufig passiert es, dass wir über Menschen urteilen, weil sie nicht so aussehen, sich nicht so verhalten, nicht so glauben, ihren Glauben nicht so praktizieren, nicht so aussehen oder nicht so reden, wie wir es uns als richtig vorstellen? Und schon sind wir auf einem Pfad, in dessen Verlauf wir uns immer mehr in der Rolle gefallen, über andere Menschen urteilen zu können.

Schon maßen wir uns im Alltäglichen, im Kleinen eine Rolle an, die nur Allah als „Herrscher, am Tag des Gerichts“ zusteht – so rezitieren wir diese Passage aus der Sure Fatiha täglich bei allen unseren Gebeten. Und doch übersehen wir, dass wir dazu neigen, unsere Vorstellungen von richtig und falsch, von Recht und Unrecht, von Tugend und Frevel zum Richtmaß für das Verhalten anderer Menschen zu machen.

Diese Anmaßung von Urteilskraft und die Überzeugung von der Unfehlbarkeit der eigenen Absichten sind bereits Schritte in Richtung jenes Verhaltens, von dem Allah uns im Koran wissen lässt, dass er es nicht vergeben wird. (vgl. Sure 4, Vers 116). Ein solches Verhalten bringt uns in die Nähe des Shirk – in die Gefahr der Beigesellung, der Verleugnung der Einzigkeit Allahs.

Nicht nur der Götzendienst, wie er in der Offenbarung am Beispiel der polytheistischen Stämme beschrieben wird, ist Shirk. Jedes Verhalten, das einen anderen außer Allah zum Ziel von Hoffnung und Gebeten werden lässt, jedes Verhalten, mit dem auch jemand anderem die Macht zugeschrieben wird, allein durch seinen Willen über Menschen richten zu können, jedes Verhalten mit dem wir über die Motive, die Beweggründe oder das Verhalten anderer Menschen als islamisch oder unislamisch urteilen – all dies sind Schritte, die uns dem Abgrund des Shirk näher bringen.

Es ist eben nicht so, wie manchmal unwissend über den Islam gesprochen und diskutiert wird: Der Islam habe einen zornigen, eifersüchtigen Allah im Zentrum seiner Glaubensvorstellung, der neben sich niemand anderen mehr dulde.

In Wirklichkeit ist es ganz anders: Allah weiß um seine Schöpfung. Er kennt unsere Machttrunkenheit. Er kennt unseren Stolz und unsere Eitelkeit. Er weiß, dass uns die Ausübung von Autorität hartherzig und ungerecht werden lässt. Er weiß, dass wir in Fragen des Glaubens dazu neigen, uns für vollkommen und andere stets für mit Makeln behaftet zu halten. Denn Frevler sind immer die anderen.

Allah lässt uns durch die Worte Luqmans, die er an seinen Sohn richtet, wissen, dass Shirk ein „großer Frevel, ein großes Unrecht“ ist. (vgl. Sure 31, Vers 13) Es ist bemerkenswert, dass im Original der Offenbarung Shirk mit den Worten „zulmun aziym“ beschrieben wird. Zulmun leitet sich vom Wortstamm Zulmet ab. Es bedeutet so viel wie Dunkelheit oder Finsternis.

Allah betont seine Einzigkeit deshalb in dieser ausschließlichen und alternativlosen und nicht zu relativierenden Weise: Damit auf Erden kein Mensch sich zum Gott seines Nächsten erhebe. Weder in den großen, elementaren Dingen der menschlichen Existenz, noch im kleinen und scheinbar verborgenen Detail des alltäglichen Miteinanders.

Denn es sind diese kleinen, vermeintlich unschuldigen und unbedeutenden Schritte der Selbstgerechtigkeit und der Geringschätzung des Anderen, mit denen wir vom rechten Pfad abkommen und uns immer weiter in Ungerechtigkeit, Hass und Verblendung verirren. Es sind diese Schritte, mit denen wir uns und andere in die Dunkelheit führen. (mk)

Wer das Werk nicht ehrt, ist des Meisters nicht würdig!

Fast eineinhalb Jahre sind seit dem Einzug des Propheten in Medina vergangen. Viele der unterdrückten Muslime aus Mekka haben Zuflucht in der Stadt Jasrib gefunden, als einer der letzten von ihnen kam der Prophet. Sie trafen auf aufopferungsbereite Menschen in dieser Stadt, die später zu Ehren des Propheten Muhammed (Allahs Friede sei mit ihm) nur noch “die Stadt”, Medina, genannt werden sollte. Siebzehn Monate ist er schon in der Stadt und betet mit den Muslimen Richtung, nein, nicht Mekka, noch richtet sich das Gebet Richtung Jerusalem.

Noch gibt es keine Erlaubnis, in Richtung Mekka zu beten, auch wenn der Prophet inbrünstig darauf hofft. Bis sich diese Hoffnung endlich in diesem Monat erfüllt. Weiterlesen “Wer das Werk nicht ehrt, ist des Meisters nicht würdig!”

Der Tanz um das goldene Ich

Der Mensch neigt dazu, sich abzugrenzen. Es ist aber mehr als ein Revierinstinkt, der bei vielen Geschöpfen in der Natur zu beobachten ist. Es geht dabei weniger um die Markierung eines Territoriums, welches durch Inbesitznahme und Verteidigung gegenüber Konkurrenten den eigenen Fortbestand sichern soll. Gleichwohl wir in dieser Beschreibung durchaus auch die zerstörerischen Ideologien um kollektiven „Lebensraum“ erkennen können, ist hier ein anderes Phänomen gemeint.

Es gehört zu den Versuchungen des Menschen, sich durch individuelle Zuschreibungen ein höheres Maß an Achtung und Wertigkeit beizumessen. Der individuelle Ansatz wird dabei gerechtfertigt durch die Ausdehnung dieser Perspektive auf das eigene Kollektiv. Das heißt, die individuelle Eitelkeit des Menschen versucht sich zu rechtfertigen, indem sie sich Komplizen schafft. Plötzlich sind es „Wir“, die anders, nämlich besser und anderen überlegen sind. Weiterlesen “Der Tanz um das goldene Ich”

Das Opferfest

Auch dieses Jahr feiern wir wieder das islamische Opferfest. Wir sind in Gedanken bei unseren Glaubensgeschwistern in Mekka, die ihre Pilgerreise mit dem Ritus der Schlachtung eines Opfertieres beenden. So wie sie sind auch wir hier in Deutschland dazu berufen, dieses hohe Fest unseres Glaubens mit der Schlachtung eines Opfertieres zu begehen.

Alljährlich ist dieses Opferritual aber auch Anlass zu mannigfaltigen Diskussionen und Kontroversen. Und damit einmal mehr ein Hinweis für uns Muslime, dass wir unseren Glauben nicht in der richtigen und verständlichen Weise zu vermitteln in der Lage sind. Dabei ist gerade das Opferfest wie kein anderer Anlass dazu geeignet, die Essenz des Islam, die Kernaussagen des Islam verständlich zu machen.

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Aufrichtigkeit ist keine Teilzeitbeschäftigung

„Sprecht: Wir glauben an Gott und an das, was zu uns herabgesandt wurde, und an das, was herabgesandt wurde zu Abraham, Ismael, Isaak, Jakob und den Stämmen, und an das, was Mose und Jesus zugekommen ist, und an das, was den anderen Propheten von ihrem Herrn zugekommen ist. Wir machen bei keinem von ihnen einen Unterschied. Und wir sind Ihm ergeben.“ So steht es in Sure 2, Vers 136 des Koran.

Der letzte Satz dieses Verses lautet im arabischen Original „ve nahmu lehu muslimune“. Das heißt, die aufrichtige Haltung, Gott gegenüber ergeben zu sein, sich mit seinem Antlitz Gott zugewandt zu haben, wird als „muslimune“, also als „muslimische“ Eigenschaft beschrieben. Muslimische Frömmigkeit wird somit als eine authentische, eine aufrichtige und wahrhaftig empfundene Ergebenheit beschrieben, die sich in der Haltung des Menschen, in seinem Wesen und seinem Verhalten, manifestiert.

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Was guckst du?

Es ist überliefert, dass unser Prophet (s.a.s.) während einer Freitagspredigt zu seiner Gemeinde über die Tekbir, also den Ausruf „Allahu Akbar“ („Gott ist groß“), sprach und sie mit folgenden Worten ermahnte: „[…] Warum ruft ihr die Tekbir mit lauter Stimme? Ihr betet nicht zu einem Tauben oder einem Verirrten. Im Gegenteil: Ihr betet zu As-Semi, zu dem, der alles hört. Und zu Al-Basir, zu dem, der alles sieht. Der, zu dem ihr betet, ist euch näher als der Hals des Tieres, auf dem ihr reitet. […] Soll ich dich ein Wort aus den Schätzen des Paradieses lehren? Dieses Wort lautet „La havle vela kuvvete illa billah!“ (Die Stärke und die Kraft sind allein Gottes)

Der Islam ist eine Religion der Aufrichtigkeit, eine Religion der Feinheit und der Schönheit. Er ist nicht die Religion des groben Wortes oder der groben Tat. Selbst als die Gemeinde unseres Propheten (s.a.s.) in Mekka angefeindet wurde und den Islam nur unter großen Widrigkeiten ausüben konnte, hat sie nicht durch lautes Schreien oder ähnliche Aufdringlichkeiten versucht, andere Menschen einzuschüchtern. Weiterlesen “Was guckst du?”