Persönliche Ramadan-Bilanz

Wir sind am Ende des Ramadan angelangt. Ein Monat liegt hinter uns, dessen Tage wir fastend und dessen Nächte wir im Gebet verbracht haben. Wir haben uns darum bemüht, die uns auferlegten Rituale und religiösen Pflichten in der besten Weise zu erfüllen.

Wir haben Acht gegeben auf den Beginn der Morgendämmerung und damit den Beginn der täglichen Fastenzeit. Wir haben Acht gegeben auf den Sonnenuntergang und damit den Beginn unseres Iftar. Wir haben Geborgenheit gefunden in den nächtlichen Teravih-Gebeten.

Wir haben auf all diese Details geachtet und uns darum bemüht, gute Muslime zu sein.

Aber der Ramadan ist auch der Monat der guten Taten. Wie oft haben wir es geschafft, in diesem Monat einen anderen Menschen glücklich zu machen? Wie viele segensreiche Taten haben wir vollbracht, damit die Gesellschaft, in der wir leben, eine bessere und glücklichere ist, als sie es zum Beginn des Ramadan war? Weiterlesen „Persönliche Ramadan-Bilanz“

Herr, erbarme Dich meiner Eltern

Wir durchleben sehr unterschiedliche Phasen in unserem Leben. Wir werden geboren, wachsen heran, viele von uns gründen Familien und bekommen Kinder. Unsere Lebensläufe sind sehr verschieden, wir alle schauen ganz unterschiedlich in die Zukunft, jeder auf unsere eigene Art. Familie, Beruf, Freundeskreis, unsere Freizeitbeschäftigungen binden uns alle, vereinnahmen uns.

Oft vergessen wir dabei gerade die zwei Menschen, ohne die es diese ganzen Lebensläufe und alles drum herum gar nicht gegeben hätte: unsere Eltern. Es ist heute keine Selbstverständlichkeit mehr, dass Eltern und Kinder ein ganzes Leben in einem Haus verbringen. Viel wahrscheinlicher ist es, dass mit Aufnahme des Studiums oder einer Berufsausbildung oder der Gründung einer Familie Eltern und Kinder sogar nicht einmal in ein und derselben Stadt leben.

Die Beziehung zwischen Eltern und ihren Kindern gehört zu den zwischenmenschlichen Beziehungen, die im Koran eine besondere Aufmerksamkeit erfahren. Dabei belässt es der Koran jedoch nicht nur bei der Darstellung von Rechten und Pflichten von Eltern gegenüber ihren Kindern. Auch die Haltung der Kinder gegenüber ihren Eltern wird dort aufgegriffen.

“Und Wir geboten dem Menschen Güte gegen seine Eltern.” (29:8) Weiterlesen „Herr, erbarme Dich meiner Eltern“

Highway to Hell

Wieder erschüttern Anschläge die Welt. Massenmörder berufen sich im Monat Ramadan, dem Monat, in dem die ersten Verse des Koran offenbart wurden, auf den Islam, wenn sie Menschen umbringen. Manch einer der Mörder meint sogar, es sei ihm eine besondere Pflicht, eine besondere Aufgabe, im Ramadan zu morden. Angesichts dieser Tatsachen muss uns endlich klar werden, wie nutzlos und wie wirkungslos alle unsere bisherigen Aufrufe, alle unsere Pressemitteilungen und Verurteilungsrituale sind.

Diese grausamen Morde immer wieder aufs Schärfste zu verurteilen, hat keine Wirkung. Diese Geste wirkt zunehmend unbeholfen und teilnahmslos. Wie scharf kann eine Verurteilung sein, wenn sie ständig mit nahezu dem gleichen Wortlaut, als eine Art eingeübte Betroffenheit erfolgt? Die Verurteilung im Superlativ wird mit jeder Wiederholung unglaubwürdiger. Sie ist zweifellos ernst gemeint. Sie wirkt aber zunehmend hilflos. Weiterlesen „Highway to Hell“

Zu Fragen bedeutet, Hoffnung zu haben

In der Sure Bakara wird die Schöpfung Adams in einem Dialog zwischen Gott und den Engeln aufgegriffen:

“Damals, als dein Herr zu den Engeln sprach: “Siehe, einen Sachwalter will ich einsetzen auf der Erde!” Da sprachen sie: “Willst du jemanden auf ihr einsetzen, der Unheil auf ihr anrichtet und Blut vergießt – wo wir dir Lobpreis singen und dich heiligen?” Er sprach: “Siehe, ich weiß, was ihr nicht wisst.”” (2:30)

In weiteren Versen wird die Geschichte der Schöpfung Adams (as) weitererzählt, sein Straucheln, aber auch die Reue und Vergebung, die ihm zuteil wurde. Wir wollen aber bei diesem Vers bleiben. In Erläuterungen wird gerne der Begriff Sachwalter näher betrachtet –  die Frage, welche Rolle dem Mensch daraus zukommt. Oder die Zuschreibung der Engel für den Menschen als Unheilstifter und Blutvergießer wird aufgegriffen. Ein Aspekt dieses Verses fällt uns jedoch selten auf: Die fragenden, ja sogar hinterfragenden Engel. Weiterlesen „Zu Fragen bedeutet, Hoffnung zu haben“

Der Verzicht nimmt nicht, der Verzicht gibt

Die Zeit verfliegt schnell. Man kann sich noch an die Nächte des letzten Ramadans erinnern, als ob es noch gestern war, aber schon stehen wir wieder an der Schwelle zum Fastenmonat. Jedes Jahr ist die Vorfreude groß bei uns Muslimen. Man bereitet sich vor auf diesen gesegneten Monat, sowohl geistig als auch körperlich. Man hat Vorfreude auf den Monat des Verzichts, weil – um es mit dem deutschen Philosophen Martin Heidegger zu sagen – „Der Verzicht nimmt nicht, der Verzicht gibt. Er gibt die unerschöpfliche Kraft des Einfachen.“

Der Fastenmonat Ramadan ist aber auch mehr als Fasten und Enthaltsamkeit. Unser Prophet, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, sagte, dass Viele von ihrem Fasten nichts haben außer Hunger und nichts von ihren nächtlichen Gebeten außer Müdigkeit. Das Fasten gehe weit über den bloßen Verzicht auf Essen, Trinken und Sex hinaus. Vielmehr müssen wir uns vor allem bewahren, was uns von unserem Fasten ablenkt. In einem anderen Hadith sagt unser Prophet, dass jedem alle vergangenen falschen Handlungen vergeben werden, der den Ramadan mit Iman und dem Bewusstsein um die Belohnung dafür fastet. Weiterlesen „Der Verzicht nimmt nicht, der Verzicht gibt“

Wir müssen aufhören, aus Mitmenschen „Behinderte“ zu machen

650 Millionen Menschen weltweit. Das sind 10% der Weltbevölkerung. Damit ist diese Gruppe weltweit die größte Minderheit. Es handelt sich um Menschen mit Behinderung. Allein in Deutschland leben etwa 10 Millionen Menschen mit Behinderungen, davon etwa 7 Millionen mit einer Schwerbehinderung. Das heißt, dass etwa jeder zehnte Mensch in Deutschland behindert ist. Diese Zahl wird größer werden. Mit zunehmendem Alter wird die Zahl der behinderten Menschen ansteigen. Jeder Dritte von Menschen über 75-Jahren lebt mit Behinderungen.

Warum ist uns diese Zahl im Alltag nicht bewusst? Weil Menschen mit Behinderung häufig am Rand der Gesellschaft leben, von einer aktiven Teilnahme am gesellschaftlichen Leben, in der Mitte der Gesellschaft ausgeschlossen werden. Diese Menschen haben es schwerer, eine gute Bildung zu erhalten, sich im Alltag frei zu bewegen, ohne Einschränkungen Orte ihrer Wahl aufzusuchen. Sie haben es schwerer, Arbeit zu finden, selbst wenn sie dafür qualifiziert sind. Weiterlesen „Wir müssen aufhören, aus Mitmenschen „Behinderte“ zu machen“

Wer Gewalt in die Welt trägt, kann nicht auf Frieden im Jenseits hoffen

Islamismus. Islamischer Extremismus. Radikaler Islam. Die Gewalttaten, die in den letzten Jahren von Tätern begangen wurden, die sich auf den Islam berufen, haben unserer Religion eine schwere Hypothek auferlegt. Viele Muslime, die aus einer zutiefst religiösen Überzeugung heraus, aus ihrem fest verankerten Islamverständnis heraus diese Gewalt- und Mordtaten ablehnen, sehen sich zur Rechtfertigung ihres Glaubens gezwungen.

Dieser menschenverachtende Terror hat dazu geführt, dass der Islam gemeinhin als aggressive, intolerante und todessehnsüchtige Religion wahrgenommen wird. Er führt zu Aussagen von Tätern, die sinnbildlich für die vermeintliche Natur des Islam geworden sind: „Ihr liebt das Leben, wir aber lieben den Tod.“ Keine Aussage könnte falscher sein, um den Islam zu beschreiben.

Im Lichte der islamischen Offenbarung ist das diesseitige Leben ein Transitraum, aber keineswegs ein Warteraum. Der Islam dient nicht zur Loslösung einer Weltbindung des Menschen in dem Sinne, dass es sich für den Menschen nicht mehr lohnt, am hiesigen Elend noch etwas zu ändern.

Das irdische Leben ist aus islamischer Sicht in dem Sinne ein Transitraum, als seine Endlichkeit ersichtlich ist: Der Mensch weiß um seine Vergänglichkeit und die Begrenztheit seiner irdischen Existenz. (Sure 29, Vers 57)

Gott erwartet von ihm aber nicht, dass er diese Zeit untätig oder nur im religiösen Ritus verbringt. Gott erwartet eine tätige Frömmigkeit, den Einsatz für seinen Nächsten, die Rechtschaffenheit im Diesseits, das Wetteifern um die guten Taten. (Sure 3, Vers 114) Weiterlesen „Wer Gewalt in die Welt trägt, kann nicht auf Frieden im Jenseits hoffen“

Freiheit ist das Einzige, was zählt

„Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“ Mit diesen beiden Sätzen beginnt unser Grundgesetz. Was bedeutet „Die Würde des Menschen“? Die Rechtswissenschaft meidet es, den Begriff präzise zu definieren, weil damit die Gefahr bestünde, den Begriff der „Würde“ in unzulässiger Weise einzuschränken. Vielmehr definiert sie negativ, wann von einem Verstoß gegen die Würde des Menschen auszugehen ist. Ein solcher Verstoß liegt immer dann vor, wenn der Mensch nicht mehr als selbstbestimmtes, freies Subjekt handeln kann, sondern wenn der Staat oder ein anderer Mensch über ihn als Objekt verfügt, ihn quasi als Gegenstand, als Sache behandelt. Denn der Mensch als von Gott erschaffenes Wesen, darf niemals zu einem Gegenstand herabgewürdigt werden, über den andere willkürlich verfügen.

Dieser Gedanke der Unverfügbarkeit des Menschen und seiner Freiheit, als selbstbestimmtes Subjekt handeln zu können, begegnet uns im Grundgesetz als Verpflichtung des Staates gegenüber seinen Bürgern. Im Wort Gottes, das uns im Koran offenbart wurde, begegnet uns der gleiche Gedanke in noch stärkerer und umfassenderer Form, nämlich als direkte Ansprache und Verantwortung eines jeden Menschen. In der 90. Sure mit dem Titel „Beled“ beschreibt Gott, wie und mit welcher Verantwortung er den Menschen erschaffen hat. In den Versen 90, 8 ff. heißt es: Weiterlesen „Freiheit ist das Einzige, was zählt“

Fake-News oder wenn einer mit einer Nachricht kommt…

Information, Nachrichten, Berichte, Meldungen, wir sind von Daten jeglicher Art umgeben. Und die Menge an Information wird immer mehr, mit ihr umzugehen immer schwieriger. Dabei sind es mittlerweile nicht einmal nur die sozialen Medien, die uns mit Informations- und Datenschnipseln überhäufen. Auch in den etablierten Medien wie Zeitung, Radio und Fernsehen werden die Inhalte kurzlebiger, der schnelle Wechsel immer präsenter.

Hier geht es aber nicht um eine Medienschelte. Hier geht es um die Frage: Wie gehen wir mit diesen Informationen um? Welche Information geben wir an unser Umfeld weiter, welche teilen wir, welche bestimmt unser Leben? Gibt es dabei Kriterien, an denen wir uns orientieren können? Medienwissenschaftlich kann man sicherlich vieles anführen, aber ein Kriterium, das wird uns von sehr prominenter Seite mit auf den Weg gegeben: die Skepsis. So heißt es in der Sura Hudschurat (49), Vers 6:

“O ihr, die ihr glaubt! Wenn ein Unzuverlässiger mit einer Nachricht zu euch kommt, so klärt die Sache auf, damit ihr niemand unabsichtlich verletzt und euer Verhalten hernach bereuen müsst.” Weiterlesen „Fake-News oder wenn einer mit einer Nachricht kommt…“

Mit den eigenen Widersprüchlichkeiten leben

Wenn heutzutage Muslime zusammenkommen und sich über ihre gegenwärtige Situation in der Welt unterhalten, bleibt eines in der Regel nicht ausgespart: das Klagen über die mangelnde Einheit der Umma. Fast schon gebetsmühlenartig wird immer wieder beanstandet, wie unfähig doch die eigenen Glaubensgeschwister seien, selbst in wesentlichen Fragen einen gemeinsamen Nenner zu finden oder anderen gegenüber geschlossen aufzutreten.

Ob eine Gemeinschaft, in der jeder einhellig dieselbe Meinung vertritt, überhaupt möglich oder gar wünschenswert ist, sei einmal dahingestellt. Bezeichnend ist aber, dass dieses Streben nach Einheit im gemeinschaftlichen Sinne häufig seine Entsprechung auch im Bewusstsein vieler einzelner Muslime findet – nämlich in Gestalt eines unbeirrbaren Strebens nach Eindeutigkeit im Glauben. Weiterlesen „Mit den eigenen Widersprüchlichkeiten leben“