Brüder im Tin

Wir alle kennen den berühmten Hadîs unseres Propheten, Friede sei mit ihm, in dem es sinngemäß heißt: „Wer das, was er für sich liebt, nicht auch seinem Bruder wünscht, der hat nicht die höheren Stufen des Iman (Glauben).“ Wir haben ihn sehr oft gehört, geben ihn häufig wieder und nicken jedes Mal zustimmend. Wir verstehen unter diesem Hadîs zunächst, dass man auch seinem muslimischen Bruder das wünschen soll, was man für sich selber liebt. Doch dieser Hadîs hat eine weitere Dimension, die wir oft außer Acht lassen.

Der große Hadîsgelehrte Imam Nawawi erklärt in seinem Kommentar zu diesem Hadîs den Begriff „Bruder“ auf zwei verschiedene Weisen. Imam Nawawi weist darauf hin, dass mit „Bruder“ einerseits „Brüderlichkeit im Din“, also im Islam, gemeint ist. Für seinen Bruder im Islam wünscht man eben alles, was man auch für sich selber liebt.

Aber zusätzlich zur Brüderlichkeit im Din gibt es nach Imam Nawawi auch die „Brüderlichkeit im Tin“. „Tin“ steht für Lehm oder Erde. Mit der „Brüderlichkeit im Tin“ verweist Imam Nawawi auf die Brüderlichkeit als Menschen, denn in Sure 15, Vers 26 heißt es im Koran: „Und wahrlich, wir haben den Menschen erschaffen aus trockenem, getöntem Lehm, aus schwarzem, zu Gestalt gebildetem Schlamm.“

Was man dann, nach Imam Nawawi, für seinen Menschenbruder wünscht, ist das Geschenk des Islam, das man so liebt und wofür man so dankbar ist.

Ein Muslim wünscht nicht nur einem anderen Muslim all das, was er liebt und für sich selber wünscht, sondern er wünscht auch all jenen Menschen, die keine Muslime sind, unter der Überschrift, dass Allah sie leiten möge, nur das Beste. Das ist ein wichtiger Punkt, da sowohl in ideologisierten muslimischen Kreisen als auch bei vielen Nichtmuslimen die Meinung herrscht, dass man als Muslim einen Nichtmuslim hassen muss oder zumindest ihm nichts gönnt.

Hier wird der klassische Blickwinkel vergessen, dass der Mumin dem Nichtmuslim gegenüber nicht als Person irgendeine Überlegenheit besitzt, sondern nur durch das gottgegebene Geschenk des Islam/Iman „überlegen“ ist, weil Iman an sich höher ist als Kufr. Hinzu kommt, dass niemand eine Garantie hat, dass sein Iman fortbestehen wird: so mag -Allah bewahre- ein Mumin eines Morgens als Kafir aufwachen, und ein notorischer Kafir am Ende eines Tages Allah als Herren anerkennen. Die Dua darum, den letzten Atemzug mit Iman machen zu können/dürfen, ist eine, die jeder Muslim kennt.

Dieser Aspekt, den Imam Nawawi betont, ist vielleicht in diesen Zeiten umso wichtiger und elementar, da es Anhänger einer Verdrehung des Islam gibt, die immer wieder mit Hass und abstoßenden Worten und Handlungen gegenüber Nichtmuslimen öffentlich auffallen. Sie behaupten, dass man als Muslim sich so gegenüber Nichtmuslimen zu verhalten habe, und dass dies religiös geboten sei. Aber diese Haltung hat wenig mit dem prophetischen Vorbild und der Offenbarung zu tun, was zwischenmenschlichen Umgang betrifft.

In der Sure al-Hudschurat, die Wohnungen, heißt es sinngemäß übersetzt: „O ihr Menschen, Wir haben euch aus Mann und Frau erschaffen und euch zu Völkern und Stämmen gemacht, auf daß ihr einander er/kennen möget.“

Teil der Dankbarkeit für das Geschenk des Islam/Iman ist, dass man diesen Schatz teilt, indem man auf ihn hinweist und ihn sichtbar macht, doch dafür muss man es „dem Anderen“ erst wünschen, und das mit derselben Intensität, wie man es für sich selbst liebt. D.h. der Blick auf „den Anderen“ ist vorrangig ein Blick der Barmherzigkeit und des Mitgefühls.

Dies müssen wir als muslimische Gemeinschaften vorleben, und auch unseren jungen Leuten nahebringen. Denn Miesmacher auf beiden Seiten nutzen gerne die öffentlichen Kontroversen, Ausgrenzungen und Probleme dazu aus, Ressentiments gerade unter den jungen Menschen zu schüren.

Ein Muslim ist jemand, der das, was er hat, auch mit seinen Mitmenschen teilen soll. Wir teilen unseren Überschuss an Besitz, in dem wir einmal im Jahr einen bestimmten Anteil davon an Arme und Bedürftige in Form der Zakat abgeben, die einer der Pfeiler des Islam ist. Das prophetische Wort, „Wer satt ist, während sein Nachbar hungert, der ist nicht von uns“, meint auch den nichtmuslimischen Nachbarn. Und ein Muslim ist jemand, der anstrebt, den Islam so zu leben, dass jene, die nicht Muslime sind, die Schönheit des Islams wahrnehmen und einen Einblick in das Geheimnis dessen bekommen, was einen Menschen edel sein lässt, und gut.

Die beste Dawa, die beste Einladung zum Islam, ist das Vorleben dieser urmenschlichen Zuneigung seinem Nächsten gegenüber, getragen davon, auch ihm nur das Beste zu wünschen. So erreicht man die Herzen der Menschen. Und nur so entsteht ein Fundament, auf dem Menschen einander als Mit-Menschen begegnen und nicht als Widersacher.

Diese grundsätzlich auf eine Begegnung auf der Ebene der Brüderlichkeit im Menschsein ausgerichtete Haltung braucht aber auch den „Anderen“, der ebenfalls bereit ist, sich auf eine solche Begegnung auf der kleinsten verbindenden Grundlage einzulassen.

Allah, der Erhabene, sagt in seinem Buch, sinngemäß übersetzt: „Und wer ist besser in der Rede als einer, der zu Allah ruft und Gutes tut und sagt: ‚lch bin einer der Gottergebenen?‘ Und nimmer sind gute Taten und schlechte Taten gleich. Wehre das Schlechte mit etwas Besserem ab, und siehe da, der, zwischen dem und dir Feindschaft herrschte, wird wie ein treuer Freund sein. Aber dies wird nur denen gewährt, die geduldig sind und dies wird nur denen gewährt, die ein großes Glück haben.“

Gastbeitrag von Malik Sezgin